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Thayana

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Allianz: Dolchsturz-Bündnis

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Mittwoch, 27. Februar 2019, 16:10



VIII - Von Dieben und denen, die dazu werden müssen Teil 2


„Keinesfalls!“, knurrt er nun seinerseits, wenn auch nicht ganz so überzeugend im Angesicht des wesentlich größeren Mannes vor sich, der dazu noch von edler Herkunft zu sein scheint. Dennoch unterstreicht er seine Weigerung, die Angelegenheit auf die vorgeschlagene Art und Weise von Alaric klären zu wollen.
„Der Junge wird der Gerichtsbarkeit überstellt und die wird entscheiden, was mit ihm geschieht und danach…“, führt er kalt fort und packt den Jungen nochmal fester am Kragen, „wird er aus der Stadt gejagt; bestenfalls!“
Der Händler hingegen, dessen Augen sich bereits gierig geweitet haben, beim Anblick des satt aussehenden Goldbeutels, mischt sich nun mutig in die Diskussion ein.
„Nun… ich…“, räuspert er sich und einschmeichelnd deutet er sogar eine kleine Verbeugung in Alaric’s Richtung an, „ich wäre zufrieden, würde man mir den Schaden der gestohlenen Ware ersetzen. Vielleicht…“, räumt er dreist ein, „mit einer kleinen Draufgabe für die entgangene Verkaufszeit?“
Die langsame, äußert bedrohlich wirkende Wendung von Alaric in Richtung des Händlers lässt diesen augenblicklich verstummen und ihn erneut und blass um die Nase einen nochmaligen Schritt zurücktreten. Doch entgegen seiner Befürchtung, zählt Alaric ihm einzig einige Goldstücke ab und drückt sie in die von ihm angehobene Hand des Händlers. Dieser Druck der Münzen ist es, der den Blick des Händlers von Alaric’s Gesicht zu seiner Hand wandern lässt, um die nun darin liegenden Goldstücke zu begutachten, die seinen entstandene Schaden mehr, als nur ausgleichen und ihm ein hübsches Aufgeld beschert haben. Dementsprechend unterwürfig klingt er nun auch.
„Das… ist mehr als ausreichend und… Entschädigung genug. Ich verzichte auf die Einvernahme des Jungen.“, erklärt er großspurig und begleitet von einem feisten Grinsen. Er scheint ein sehr gutes Geschäft gemacht zu haben und gleichermaßen überzeugt er, als Anwohner Dolchsturz‘ mit seinen Worten nun auch den Wachmann.
„Keine Ahnung warum Ihr euch des Burschen annehmt, doch wenn Ihr zu viel Gold besitzt…“, kehrt der Wachhabende nun seine schier unangreifbare Position, begleitet von eben dieser provokanten Bemerkung heraus. Der folgt sogar ein aufmüpfiges Grinsen, als er den Jungen in Richtung Alaric schiebt.
„Dann könnt Ihr ihn auch gleich behalten! Bezahlt habt Ihr ja für seine Dienste.“, erdreistet er sich dazu noch, lässt ausschließlich dem Händler ein strammes Nicken des Abschiedsgruß zukommen, ehe er das Gespräch verlässt und sich wieder zurück auf seinen Posten begibt.
Auch der Händler dreht sich ab und, noch immer die Goldstücke in seiner Hand zählen, begibt er sich wieder auf den Weg zurück zu seinem Marktstand.
Der Junge indes steht still neben Alaric, ungläubig ist sein Blick auf ihn gerichtet und als dieser seine mächtige Hand hebt, um sie dem Burschen leicht auf die Schulter zu legen, zuckt der Bursche, in Erwartung neuer Misshandlungen, erschrocken zusammen und duckt sich darunter hinweg. Alaric hingegen übergeht diese furchtsame Geste, als hätte er nichts gesehen, richtet nur sein Wort an den Jungen, während er seine Hand jedoch wieder zurückzieht.
„Wie heißt du, Bursche?“, fragt er in freundlich, doch auch mit Nachdruck.
Der Junge richtet sich vorsichtig wieder auf, seine Augen wandern über die Fernländer, die sich von Statur, Aussehen und Aufmachung komplett von den Dolchsturzbewohnern unterscheiden. Er braucht einige Ansätze, bis er schließlich seinen Namen stottert.
„M…mm…Marius, Herr!“
Erneut folgt ein kräftiges Nicken des Nords, dann deutet er mit dem Kopf in Richtung Torben.
„Nun, Marius, nach dieser Aufregung wird es wohl das Beste sein, wenn du mit uns vorerst die Stadt verlässt, zumindest unser Geleit bis hinter das Stadttor in Anspruch nimmst.“, rät Alaric gutmütig, jedoch auch mit einem Unterton, der keinen Widerspruch in Aussicht stellt und richtet seinen Blick dabei auf Torben.
Torben, der eben noch recht gelangweilt in seinem Sattel saß, seinen Ellenbogen auf dem Rist seines Pferdes abgelegt hatte, hebt nun seine Hand, den Blick auf Alaric gerichtet. Einen leichten Schwenker zwischen dem Jungen und sich selbst mit der Hand anzeigend, wird seine indirekte Frage, ob er den Jungen mit zu sich aufs Pferd nehmen soll, mit einem knappen Nicken Alaric’s beantwortet.
„Na dann komm und steig auf, Kleiner!“, folgt Torben auch sofort der Anweisung von Alaric, setzt sich wieder im Sattel zurecht und streckt seinen Arm in Richtung des Jungen aus, um ihm damit eine Aufstieghilfe auf das doch recht große Pferd zu gewähren.
Auch der kleine Dieb wagt nun keinerlei Einsprüche oder Worte mehr, bewegt sich nur langsam und vorsichtig auf Torben’s dargebotenen Arm zu und der, kaum in seiner Reichweite, packt den Arm des Jungen und zieht ihn mit kraftvollem Schwung hinter sich in den Sattel. Nur kurz rümpft er seine Nase, als der Junge nun recht nah an ihm dran sitzt.
„Bei Shor’s alten Knochen“, murmelt er, jedoch gut vernehmlich, „dich werden wir vorab in einem Zuber einweichen.“
Auch Alaric steigt wieder auf sein Ross. Das entzückte Lächeln, das Estelle ihm bereits seit geraumer Zeit zuwirft, war ihm die Verzögerung und dazu jedes Gold von ganz Tamriel wert. Als alle bereit sind, gibt Alaric erneut das Zeichen zum Aufbruch und gemeinsam mit dem Jungen, der sich krampfhaft am Sattel des mächtigen Tieres unter sich festkrallt, verlässt der Tross die Stadt Dolchsturz, vorbei auch an dem Wachmann, der dem Jungen nochmals einen bitterbösen Blick, samt einer angedeuteten Halsabschneidegeste mit der Hand zukommen lässt. Er und die Stadt Dolchsturz sind ihr Problem losgeworden. Sollen sich andere nun darum scheren.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Freitag, 1. März 2019, 12:10



XIV – Marius


Die Reisegruppe bewegt sich deutlich langsamer voran als sonst. Zum einen wird auf den jungen Marius Rücksicht genommen und zum anderen auf die mitgeführten Zutaten, die doch recht empfindlich sind und heil zu ihrem Bestimmungort gelangen sollen. So vergehen mehrere Stunden, ehe sich der Trupp dem aufgeschlagenen Lager der Nordmannen nähert, in dem geschäftiges Treiben herrscht und von dem aus der köstliche Duft von gebratenem Wild zu den sich nähernden Reitern dringt.
Galthor reagiert sofort darauf, streicht mit seiner Hand einmal quer durch seinen Bart, als wolle er ihn für die anstehende Mahlzeit richten. Bereits kurz vor dem Erreichen der Zelte ruft Alaric Torben, mitsamt dem Jungen hinter sich, an seine Seite.
„Hab ein Auge auf ihn und kümmere dich darum, dass er ein Bad, anständige Kleidung und auch etwas zwischen die Zähne bekommt“, gibt er Torben Anweisung, als wäre der Junge nicht da, würde seine Meinung dazu nicht zählen. Doch hat dies einen Grund, denn an den starken Rücken des Kriegers angelehnt, ist der schmächtige Bursche noch auf dem Pferd eingeschlummert. Zustimmend nickt der erfahrene Krieger zu seinem Anführer und dreht sanft mit seinem Pferd danach ab, um eine ruhigere Stelle beim Lager anzureiten, wo er den Jungen und sich aus dem Sattel bekommt und den Anweisungen Alaric’s Folge leisten kann.
Gleich darauf ruft Alaric auch Galthor an seine Seite, dem ebenfalls einige Anweisungen zuteilwerden.
„Du bist für die Satteltaschen von Torben’s Pferd zuständig, mein Freund. Löse sie und bereite frische Pferde für Estelle und mich vor. Wir werden sogleich weiter zu den Wyrd reiten und die Sachen dort übergeben. Verteil daher die Güter gleichmäßig auf den beiden Pferden. Wir wollen schnell und zügig hin und auch wieder zurück sein.“
Ein kurzes Brummen, das Zustimmung oder Einspruch sein könnte kommt von dem älteren Krieger, ehe er rückfragt.
„Ihr reitet allein? Soll ich nicht…“, setzt er an, ehe Alaric ihn unterbricht.
„Erledige, was ich dir aufgetragen habe und dann kümmere dich um dein leibliches Wohl.“, wiederholt Alaric, dessen Worte ein breites Grinsen begleiten. Er selbst hat nicht weniger Hunger, doch will er die Vereinbarungen zur „Befreiung“ Estelle’s nun endlich erledigt wissen, weshalb es ihn drängt, die beschafften Zutaten bei der Wyrdmutter abzuliefern. So hat er es auch im Vorweg mit Estelle abgesprochen, die nur allzu gern seinem Vorschlag zustimmte. Befürchtungen wegen des Jungen aus Dolchsturz hat Estelle nicht mehr. Sie kennt Alaric und seine Männer inzwischen so gut genug, um zu wissen, wie gut der Junge bei den Leuten aufgehoben ist.
Galthor, im Großteil einverstanden mit den ihm übertragenen Aufgaben, gibt ein leichtes Nicken zu Alaric und Estelle, ehe auch er sich dann auf seinem Pferd dem Lager nähert, im Gegensatz zu Torben steuert er jedoch den notdürftigen Unterstand der nordischen Pferde an, um mit der Umverteilung des Inhalts der Satteltaschen zu beginnen und im Anschluss daran seinem knurrenden Magen gerecht zu werden.

Estelle lehnt sich im Sattel ein Stück zurück, bettet ihren Rücken an Alaric’s Brust und schließt die Augen, während sie leise ansetzt zu sprechen.
„…dann wird dies unseres gemeinsame und auch letzte Reise zu den Wyrd?“, fragt sie behutsam bei ihm an, die letzten Meter bei und mit ihm noch voll auskostend, bis auch sie das Lager endgültig erreichen werden. Das zustimmende Brummen von ihm, überträgt sich auf ihren Körper und lässt sie zufrieden aufseufzen.
„So ist es, hoffe ich zumindest.“, antwortet er dann auch und sein Blick geht auf seine Liebste, dem ein breites Schmunzeln auf seinem Gesicht folgt, dass sie inzwischen ganz und gar auf ihn vertraut und ihm dies auch so deutlich zu erkennen gibt. Nun jedoch schlägt sie die Augen auf und wirft einen Blick auf ihn.
„Du hoffst es?“, fragt sie nach, leichte Unsicherheit im Blick. „Was sollte uns noch im Weg stehen? Die Liste ist erledigt, alles besorgt und ich…“, setzt sie ihren Satz aus und schlägt die Augen nieder.
„…und du…?“, fragt Alaric prompt nach und seine Augen gleiten neugierig über ihr Antlitz, dessen Wangen sich leicht verfärbt haben und ihm damit ein stummes Lachen entlocken. Doch Estelle schweigt, dreht nur ihren Kopf etwas weiter zur Seite und gibt seiner noch immer glatten Wange einen zaghaften Kuss. Damit vorerst zufrieden, belässt er es nun auch dabei. Er ist sich sicher, dass sie es ihm früher oder später mitteilen wird. Doch vorerst treibt auch er sein Pferd an und steuert es dem Lager entgegen. Es ist doch noch einiges zu erledigen, bevor sie aufbrechen können und das will er nicht länger heraus zögern.

Estelle und Alaric sind bereits aufgebrochen, als ein lockiger Blondschopf aus einem der Zelte des Nordlagers heraustritt. Seine Haut sieht rosig und frisch gereinigt aus, seine Haare strahlen in der Nachmittagssonne und sogar um seine Lippen liegt ein feines Lächeln. Der Junge zählt vielleicht 7 oder 8 Sommer, doch wirken seine Gesichtszüge älter, erfahrener, als ob er in seinem jungen Leben schon einiges gesehen und erlebt hätte. Knapp hinter ihm tritt eine zerzaust aussehende Frau, rot der Anstrengung im Gesicht und mit verknitterter und feuchtem Kleid heraus und bleibt nur kurz hinter ihm stehen, die Hände in die Hüften stemmend.
„Marius, du bist noch nicht fertig!“, schimpft sie mit ihm und doch hört man ihrer Stimme an, dass sie keinesfalls grantig mit dem Jungen ist.
„Ihr habt Recht!“, stimmt der Junge zu und wendet sich wieder dem Zelt zu. „Ich werde Euch helfen das Zelt zu ordnen.“
Kaum gesagt, verschwindet der Bursche ins Zelt und gleich darauf hört man ihn leise ächzen, als er mit dem Eimer wohl den Badezuber entleeren will. Noch einigermaßen erstaunt liegt der Blick der Frau noch dort, wo der Junge gerade noch stand, ehe er seinem Tatendrang folgte, als sie sich ebenfalls auf dem Fuße herumdreht und ihm ins Zelt folgt.

Behutsam schlägt Torben eine Seite der Zeltplane zur Seite, wagt einen Blick in das Innere. Kaum erkennt er den vormals zerlumpten, blassen und über und über mit Dreck verunstalteten Jungen wieder, der nun auf der Kante einer Pritsche sitzt und seine Hände knetet. Seine Augen ruhen auf seinen abgerissenen, nun jedoch sauberen Fingernägeln und während Torben ihn still beobachtet, entfährt dem Jungen ab und an ein leiser, jedoch trauriger Seufzer was den jungen Krieger veranlasst, mit einem leichten Räuspern bemerkbar zu machen und gänzlich in das Zelt einzutreten.
„Nun?“, fragt er und heftet seinen Blick auf den Burschen, der, wie vom Wespenschwarm gestochen, sofort vom Lager aufspringt und stramm vor dem Nord zu stehen kommt. Blaue Augen, neugierig und jetzt voller Leben, jedoch auch mit einem Funken Trauer darin, mustern verstohlen den hochgewachsenen und kräftigen Nord, um dessen Mundwinkel stets ein amüsiertes Lächeln zu liegen scheint.
„Herr, ich…“, setzt der kleine Kerl an, doch dann verstummt er kurzfristig. Angst scheint er vor dem Krieger in keinster Weise zu haben und doch hindert ihn etwas, seine Worte zu formulieren. Inzwischen in einfaches, aber auch sauberes Tuch gekleidet fällt Torben einmal mehr auf, wie mager der Bursche ist und bewundert ihn im Stillen, dass er überhaupt bis heute überlebt hat.
„Hast du Familie?“, fragt er den Jungen nun, der nur seinen Kopf gen Boden senkt und ihn dann zaghaft schüttelt.
„Weißt du wohin du gehen kannst, wo du ein Dach über dem Kopf haben wirst?“, fragt der Nord ihn weiter und bekommt ein erneutes Kopfschütteln angezeigt. Der Junge kann nicht sehen, dass der junge Krieger unheilvoll seine Brauen zusammenzieht. Doch ist es nicht aufgrund des Jungen, sondern weil er nicht verstehen kann, dass ein Kind diesen Alters auf der Straße aufwachsen und zusehen muss, dass oder ob es über die Runden kommt. So fasst der junge Nord einen folgenschweren Entschluss.
„Heb den Kopf und komm mit mir, ich werde dich mit deinen Aufgaben vertraut machen, damit du sie in den nächsten Tag allein bewältigen kannst.“
Eben noch den Kopf zu Boden gesenkt, stutzt der Junge und hebt dann langsam sein Gesicht soweit an, das er dem Nord ebenfalls in die Augen blickt.
„Ihr meint…?“, sichert langsam zu ihm durch, dass er hier keineswegs über die Wiese geschickt werden soll und doch will er sich rückversichern, dass er, in seiner Einfältigkeit, nichts falsch verstanden hat.
„Ich meine, dass du dich bei den Pferden nützlich machen kannst. Alles andere wird sich mit der Zeit ergeben und deine Ausbildung fortsetzen.“, kommt die Bestätigung des jungen Hünen zu Marius, ehe er seinen Arm in dessen Richtung ausstreckt, um ihn an der Schulter nach draußen zu führen. Sofort kommt Leben in Marius, streckt der Junge ruckartig seinen schmalen Körper und kommt der Einladung des Kriegers nur zu gern nach. Die mächtige Hand sicher auf seiner Schulter spürend, verlässt er gemeinsam mit dem Nord das Zelt und wird sich nur zu gern in die Reihen der Männer eingliedern lassen, als Teil von ihnen und mit der Gewissheit, dem Leben auf der Straße und damit seinem – früher oder später – sicheren Tod zu entgehen.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Mittwoch, 6. März 2019, 15:30


XV – Offenbarungen
Teil 1


Ihre Beine schmerzen, ihre Kehrseite fühlt sich wund an und doch, wann immer Alaric während des zügigen Ritts zu ihr blickt, schenkt sie ihm ein tapferes Lächeln. Sie reiten schnell durch die Wälder, kreuzen die Straßen und treiben die frischen Rösser unter sich an, um noch vor Einbruch der Nacht die Wyrdgemeinschaft zu erreichen.
Es ist das erste Mal, dass Estelle selbst und allein auf einem Pferd sitzt und so schmerzt ihr Körper von dieser Anstrengung, obwohl ihr Pferd im Grunde genommen nur Alaric seinem folgt, sie selbst recht wenig tun muss… eigentlich. Dennoch fordert ihr Körper seinen Tribut, wird ihre Muskulatur langsam schwächer und so hatte sie auch noch keine Zeit darüber nachzudenken, wie sie selbst auf ihre Rückkehr zu ihrer „Familie“ reagieren wird. Umso überraschter ist sie, dass ihr Herz einen Freudensprung macht, als das mächtige Blätterdach des Wyrdbaums in Sichtweite kommt und ihr ein Gefühl von Heimat, Familie und Zugehörigkeit vermitteln. Als sie näher kommen, hört man fröhliches Lachen aus einer kleinen Gruppe, inmitten der ein Hüne steht und in dem Alaric seine Kameraden Fenrik erkennt. Er muss es einfach sein, denn in dieser Gegend dürfte er zu den größten Männern gehören. Und richtig, je näher Estelle und er heran reiten, desto besser ist der Nord inmitten der jüngeren Wyrdinnen auszumachen. Nur noch fünf Pferdelängen entfernt, hält es Alaric nicht mehr im Sattel und so lässt er sich aus ihm herausgleiten. Noch während das Pferd gemütlich austrabt, ist er auch schon bei seinem Freund und empfängt eine mindestens ebenso herzliche Umarmung, wie er selbst Fenrik auch spendet. Auch Estelle hat, inmitten der Schar ihrer Wyrdschwestern, ein ihr wohlbekanntes Gesicht entdeckt, darunter auch einige andere ihrer verbundensten Schwestern. Jedoch ist sie nach dem strammen Ritt hierher nicht mehr ganz so fidel und lässt sich eher beschwerlich vom Sattel herunter und selbst ihr Gang wirkt, als hätte sie Mühe ihre Beine auf übliche Art und Weise voran zu bewegen. Die Wiedersehensfreude mildert jedoch ihre Pein und so nimmt sie ebenso herzliche Umarmungen entgegen, allen voran von Cyrena, die etwa gleichalt wie sie selbst ist und die sie fast seit Anbeginn ihres Denkens ihre Schwester nennt. Verschmitzt blickt diese sie kurz darauf an und zieht sie ein wenig auf die Seite, etwas ab von den Schwestern und auch weg von den Kriegern, die jedoch in ihr eigenes Gespräch vertieft zu scheinen.

„Nun erzähl schon!“, fasst Cyrena Estelle an beiden Händen und blickt sie aufgeregt und zugleich neugierig an. „Wie war es, wie ist er, wie behandelt er dich?“, feuert sie einen ganzen Fragenschwall auf Estelle ab, die ihrer liebsten Schwester vorab einen erschöpften Blick schenkt, sich dann jedoch ein Strahlen über ihr Gesicht legt, das Bände spricht. Kurz gleitet ihr Blick hinüber zu Alaric, als sie auch schon zu erzählen beginnt.
„Cyra, er ist… es ist wunderschön mit ihm und ich…“, legt sich ihr Blick auf ihre Schwester, „…bereue keinen einzigen Tag, mich für ihn entschieden zu haben.“
„Du… bist verliebt!“, folgert Cyrena mit einem fröhlichen Lachen, das frei jeglicher Eifersucht oder gar von Neid ist und wirbelt ihre Schwester und Freundin übermütig im Kreis herum, bis diese kleine Schmerzenslaute von sich gibt. Sofort unterbricht Cyra ihr übermütiges Treiben, umfasst die Taille Estelles und blickt sie besorgt an.
„Was ist mit dir, bist du verletzt oder vom Pferd gestürzt?“, hakt sie sogleich nach, ihre Freundin von oben bis unten musternd, wobei ihr nun auch die neue Kleidung auffällt, die Estelle von Alaric in Dolchsturz erhalten hat.
„Du siehst aus wie… eine grande Dame!“, kommt es mit Bewunderung in der Stimme von ihr, betrachtet sie Estelle einmal ausgiebig und fasst sogar vorsichtigen edlen Stoff an.
„Und es steht dir ausgezeichnet!“
Einem Impuls folgend, zieht Estelle ihre Cyra fest in die Arme und ein paar Tränen bahnen sich den Weg über ihre Wangen, während sie ihre Vertraute innig und fest bei sich hält. Auch Cyrena wird sie verlassen, das wird ihr soeben klar und macht ihr doch das Herz schwer, lässt ihre Gefühle frei und so schluchzt Estelle sehr leise am Hals ihrer Schwester, während diese ihr beruhigend über den Rücken streicht und sie mit leisen, sanften Worten zu beschwichtigen sucht.
„Ella, es wird alles gut, glaube mir.“, raunt sie leise ihre Worte zu. „Du hast einen wunderbaren Mann gefunden und ich bin davon überzeugt, dass ihr beide ein wunderschönes Leben haben werdet. …wunderbare Kinder, sogar.“, fügt sie mit voller Überzeugungskraft an und zwingt Estelle ein wenig ab von sich. Sorgsam die Tränen von ihren Wangen wischend, schenkt Cyra ihr ein inniges Lächeln und ermuntert sie, ihre Worte zu überdenken. Wie gut sie Estelle kennt zeigt, dass diese wirklich darauf reagiert und ihre Tränen versiegen.
„…und dennoch wirst du mir fehlen.“, flüstert sie, und erklärt damit endlich, was sie bewegt und wie innig sie Cyra zugetan ist. Doch diese schüttelt vehement den Kopf und blickt Estelle streng an.
„Wir können nicht alles haben, doch was wir haben, sollten wir jeden Tag und aufs Neue zu schätzen wissen!“, zitiert sie die oftmals geäußerten Worte von Mutter Frederika und entlockt Estelle damit ein herzliches Lachen.
„Du bist unmöglich!“, erntet sie für dieses Zitat und dazu eine erneute, diesmal jedoch befreit wirkende Umarmung. „…und du bist mir die Liebste von allen!“, ergänzt Estelle sehr leise, bevor sie sich von ihrer Freundin trennt, deren Blick nun ebenfalls zu den beiden Nord gewandert ist und… von Fenrik… erwidert wird. Die Stirn kurz krausend, wechselt Estelle’s Blick zwischen Cyra und Fenrik. Sollten die beiden etwa…? Ihr Gedankengang wird unterbrochen, als Alaric sich von Fenrik löst und auf sein friedlich grasendes Pferd zugeht, dort die gut gesicherten Taschen löst und Fenrik, nach einem verschmitzten Blick auf Cyra, es ihm gleichtut, jedoch bei Estelle’s Pferd.

„Ich sollte die beiden begleiten.“, sinniert Estelle zu Cyra hin, lässt deren Hand jedoch nicht los. „…und du kommst auch mit.“, fügt sie lachend hinzu und zieht Cyrena an der Hand auch schon mit sich, hinter den beiden Nord hinterher, die mit den Taschen in Richtung der Hütte von Mutter Frederika gehen. So nähert sich das Vierergrüppchen der Hütte, aus deren Schornstein der wohlbekannte Rauch strömt, der die Luft angenehm mit Kräuteraroma erfüllt. Den Tumult wohl bereits mitbekommen, tritt Mutter Frederika auch bereit durch die massive Holztür und bleibt auf der Schwelle ihres Häuschens stehen, während heute sogar ein Lächeln ihr Gesicht ziert, was ihr einen weichen, fast mütterlichen Ausdruck verleiht.So löst sich nun auch Estelle von der Hand Cyrena’s und eilt ihrem Oberhaupt und auch Ersatzmutter entgegen, schließt sie kurz darauf auch innig in die Arme. Ihre müden Augen schließend, erwidert das Wyrdoberhaupt diese freudige Geste, den Duft ihres Schützlings dabei tief in die Nase ziehend, bis sie stutzt und das Lächeln langsam von ihrem Gesicht weicht.


Estelle auf eine Armeslänge von sich haltend, betrachtet sie das Gesicht ihrer Schutzbefohlenen genauestens, bevor ein eisiger Blick in Alaric’s Richtung geht und sie ihn mit einer unmissverständlichen Geste zu sich heranwinkt oder eher zu sich zitiert. Alaric, stockend im Schritt ob des Blicks, wirft einen unsicheren Blick zu Fenrik, der jedoch nur ahnungslos die Schultern hochzieht und Alaric die Taschen abnimmt, bevor der sich gemächlich in Bewegung setzt. Scheinbar will er vor dem Wyrdoberhaupt keinesfalls als gehorsames Jüngelchen scheinen und so lässt er sich Zeit, bis er schließlich, eine respektvolle Verbeugung andeutend, bei ihr und neben Estelle steht. Ihre Augen sind noch gen Boden gerichtet, doch dann wandert der Blick Frederika’s langsam von den Füßen angefangen an Alaric aufwärts, bis er sich in seinen Augen festsetzt.


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Mittwoch, 6. März 2019, 15:34



XV - Offenbarungen Teil 2


"Konntet Ihr…“, zischt sie so leise zu ihm, dass nur sie Drei die Worte vernehmen können und ihre nun förmliche Ansprache an Alaric zeigt, dass sie sich von ihm nunmehr distanziert und ihn außerhalb jeglicher Wyrdverbindungen sieht, „…eure Lenden nicht im Zaum halten?“, äußert sie ihre Anschuldigung und lässt Estelle damit hörbar nach Luft schnappen, während Alaric seinen Atem entsetzt ausstößt, beide damit die Vermutung der Weisen bestätigen und fast zeitgleich beschämt ihren Kopf senken. Doch noch ist die Ältere nicht mit ihnen fertig; zumindest nicht mit Alaric, dem sie die Verantwortung zur Gänze zuschiebt und ihn dementsprechend kalt mustert.
„Ich vertraute Euch ihr Leben, ihre Sicherheit und ihre körperliche Unversehrtheit an und Ihr“, schnaubt sie aufgebracht, jedoch noch immer leise, „pflanzt Euren Samen in das junge Blut? Noch ist sie nicht die Eure und Ihr vereinnahmt sie für Euch?“
Im gleichen Moment, wie die Köpfe von Estelle und Alaric gen Boden gingen, rucken sie beide nun hoch und ein gegenseitiger Blick zueinander ist die erste Reaktion auf diese Kundgebung.
„Aber wie…“, setzt Estelle an und fasst mit ihrer Hand instinktiv auf ihren Unterleib. Nicht viel anders ergeht es Alaric, doch der fragt nicht nach dem „wie“, denn das ist ihm wohlbekannt.
„Woher wisst Ihr das?“, hakt er stattdessen lauernd nach und betrachtet das Oberhaupt mit Argusaugen.
„Ihr Geruch!“, kommt die Erklärung, dann dreht sich die Alte um und durchschreitet wieder die Türschwelle, die beiden hinter sich herwinkend. Sie will mit ihnen reden, allein und ungestört und dabei wirkt wie jetzt wieder unnahbar, kühl und berechnend. Estelle und Alaric betreten zaghaft nun ebenfalls die Hütte, Alaric schließt die schwere Holztür hinter sich und bleibt unschlüssig daneben stehen, während Estelle das Wort ergreift.

„Ihn trifft keine Schuld, Mutter Frederika, ich wollte… ihm nah sein“, gesteht sie kleinlaut, den Blick erneut zu Boden gerichtet.
„Du…“, kommen die harten Worte der Oberin, „bist ein unwissendes Kind. Doch er...“, deutet sie anklagend mit ihrem Zeigefinger auf Alaric, „hat mein in ihn gesetztes Vertrauen missbraucht und jetzt werdet ihr beide und gemeinsam die Konsequenzen tragen.“
Die Stimme Frederika’s klingt unnachgiebig und so wirkt auch ihr Blick, der fast starr auf Alaric gerichtet ist.
„Was für Konsequenzen sollen das sein?“, hakt der nun nach, verschränkt die Arme dabei provokativ vor seiner Brust und erwidert zugleich den bohrenden Blick der Wyrd.
„Ihr werdet von mir geeint, noch heute Nacht und Ihr, Alaric, werdet die volle Verantwortung für Estelle übernehmen“, kommt die knappe Antwort und eine Handbewegung von ihr macht klar, dass das junge Paar damit vorerst von ihr entlassen ist, als sie sich auch bereits abdreht.
„Ich wollte die ganze Zeit die Verantwortung für Estelle übernehmen, doch Ihr habt mir die unsinnigsten Aufgaben auferlegt, nur um das zu verhindern!“, begehrt Alaric übelst gelaunt auf und seine blauen Augen funkeln zornig im spärlichen Licht der Hütte.
„Unsinnige Aufgaben?“, wiederholt Frederika, im Gegensatz zu Alaric ist sie jedoch völlig ruhig und dreht sich auch nur langsam zu den beiden herum, um ihre Augen in die von Alaric zu bohren.
„Diese unsinnigen Aufgaben, die Auffüllung unsinniger Zutaten, eben diese Essenzen haben Euch das Leben gerettet, werter Nord.“, wird sie immer leiser, während sie ihre Worte an Alaric richtet und jedes davon ein schlechtes Gefühl in ihm weckt und seinen wohl unberechtigten Zorn eindämmen.
„Mutter Frederika, ich schwöre Euch…“, versucht er daher einzulenken, doch dieses Mal unterbricht ihn die Wyrdin barsch.
„Schweigt!“, obwohl ihre Stimme noch immer leise ist, wirkt dieses Wort wie ein Donnerschlag. „Eure Schwüre sind den Atem nicht wert, den Ihr für sie erübrigt!“, weist sie ihn zurecht. „Geht, bereitet Euch vor. …alle beide!“, verweist sie das Paar daraufhin endgültig ihrer Hütte.





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Dienstag, 12. März 2019, 12:08

XVI - Das Ritual Teil 1


Kaum außerhalb der Hütte fast Alaric sanft nach Estelle’s Schulter und zwingt sie dadurch stehenzubleiben.
„Estelle?“, spricht er sie vorsichtig an, da er bemerkt hat, wie blass sie geworden und sogar noch immer ist. Nur langsam scheint sie ihre Gedanken soweit klären zu können, dass sie bemerkt, von ihm angesprochen worden zu sein und dreht sich zögerlich zu ihm herum. Mit großen Augen blickt sie ihn an und als er gerade ansetzen will, um den Versuch einer wortreichen Entschuldigung an sie einzuleiten, strahlen ihre Augen auf.
„Ich bin guter Hoffnung?“, wispert sie zu ihm, als wäre das noch ein Traum, dann jedoch gewinnt ihre Stimme an Festigkeit, weitet sich das Strahlen ihrer Augen auf ihr gesamtes Gesicht aus.
„Alaric, wir… wir bekommen ein Kind.“
Eben noch unsicher, wie Estelle mit dieser Enthüllung umgehen würde, wird sich nun auch Alaric bewusst, dass er mit seiner Estelle bald mehr teilen wird, als nur die Liebe zueinander. Und so wenig er auch damit gerechnet hat, legt sich doch Freude über sein Herz und er zieht Estelle sanft in seine Arme.
„Ja, meine Liebste, wir bekommen ein Kind und daher…“ Obwohl er bereits leise zu ihr sprach, senkt er seine tiefe, sonore Stimme noch weiter ab, richtet seine kommenden Worte gezielt und ausschließlich an Estelle. „Daher sollten wir alles tun, damit wir die Gemeinschaft so schnell wie möglich verlassen können!“, raunt er ihr eindringlich zu, während seine Augen wachsam auf dem Umfeld liegen, das sie beide einmal mehr bestimmt, ihrem gemeinsamen Leben noch einmal im Wege steht.
Er kennt die Umstände nicht, die sich um diese skurrile Gemeinschaft ranken. In der gesamten Zeit, die er hier inzwischen verbracht hat, haben sich ihm die Regeln und gefühlten Gesetze nicht gänzlich erschlossen und doch ist ihm bewusst, dass er keinen einzigen Tag länger hier verbringen möchte, sich keinesfalls weiter der Willkür dieses Wyrdoberhaupts aussetzen möchte; weder sich selbst, noch Estelle. Kurz verdunkelt sich sein Gesicht, als ein Gedanke ihn streift. Ob er seine Estelle einfach nehmen und mit ihr flüchten könnte? Ein Bindungsritual? Zorn schleicht sich in seinen Blick, lässt seine sonst so klaren blauen Augen dunkel und gefährlich wirken. Tief versenkt er seine Nase in Estelle’s Haar. Es duftet noch immer zart nach Blumen, jedoch auch nach der salzigen Meerluft der vergangenen Tage auf See und schon schließen sich seine Arme fester um Estelle’s Körper, hält er sie fest bei sich und spürt einmal mehr, wie Ruhe sich über deine Gedanken und seinen Geist legen. Die Wirkung, die sie immer auf ihn ausübt und die ihn klaren, strukturierten Gedanken zuführt, wie nun auch.
„Wie wird dieses Ritual aussehen?“, frage er nach einer Weile des harmonischen Schweigens bei ihr nach. Er hat so gar keine Vorstellung, was Estelle und ihn erwarten wird und hofft, dass es nichts umfasst, dass seine Gedanken der abrupten und unangekündigten Abreise forcieren wird. Man merkt Estelle an, dass ihr gerade eigentlich nicht nach Reden zumute ist, sie in diesem Moment die Nähe und Sicherheit von Alaric genießen und Ordnung in ihre ganz eigene Gedankenwelt bringen möchte, dennoch hebt sie sachte den Kopf an und richtet ihre grünen Augen in Alaric’s.
„Das Bindungsritual… hmm… ich habe bisher auch nur davon gehört, es bis heute jedoch nicht selbst erlebt. Es soll wohl an ein Blutritual geknüpft sein, dein und mein Blut miteinander verbinden.“, erklärt sie ihm leise und mit langsamen Worten, als müsse sie selbst überlegen, was ihr davon noch in Erinnerung geblieben ist, ehe sie fortfährt. „Das Blut wird dann der Gottheit geweiht, um deren Segen zu erbitten und eine Vision zu erfahren, die auf das Blut und das Leben der Verbundenen zurückgeht.“
Estelle blickt zum Nachmittagshimmel, an dem bereits die Monde des kommenden Abends schwach zu sehen sind, während Alaric noch immer über ihre Worte nachdenkt. Blutritual! Diese Hexen scheinen düstere Gepflogenheiten zu haben, als er sich bisher vorgestellt hat. Die Worte Estelle’s dringen inmitten seiner Gedanken, holen ihn zurück.
„Heute Nacht ist sogar Vollmond.“, lächelt sie Alaric an und leitet auch seinen Blick zum Nachmittagshimmel. Für sie scheint das ein besonders gutes Zeichen zu sein und so lässt sich Alaric von ihrem Enthusiasmus anstecken, schenkt er ein Lächeln an sie zurück, bevor er sie erneut in eine innige Umarmung zieht. Ihm ist inzwischen einerlei, wer zu ihnen schaut oder missbilligend darüber denkt. Sein Entschluss steht fest: Dieses letzte Ritual noch und danach wird keine der Wyrdhexen ihn oder Estelle jemals wieder zu Gesicht bekommen. Wie Unrecht er damit haben sollte, würde die Zukunft ihm jedoch zeigen.
„Komm!“, fordert er Estelle schließlich aufmunternd auf und lenkt nunmehr ihren Blick in Richtung des Bereichs bei den Wyrd, wo sein treuer Hengst Arius mit Sicherheit auf ihn wartet.

Der Abend hat sich längst über Hochfels gesenkt, voll und hell stehen die Monde über der Region, als weißer Rauch aus dem Abzug der Hütte des Wyrdoberhaupts aufsteigt, um die sich die Mitglieder der Gemeinschaft versammelt haben. Jede der Wyrdinnen trägt eine weiße Robe, hält eine weiße Kerze in der Hand und säumen so den Weg, den Alaric und Estelle nun nebeneinander gehen, der Hütte von Mutter Frederika entgegen. Auch Alaric und Estelle sind gekleidet in helle Tunikas, die ihren werden jedoch gehalten von blutroten Kordeln. Auf Estelle’s Haupt ist eine Blumenkrone gesetzt worden, in der die wichtigsten Heilpflanzen und –Blüten eingewoben wurden und die sie nun auszeichnet, als eine heilende Seele der Gemeinschaft der Wyrd. Selbst Mutter Frederika, die vor dem Eingang zu ihrer Hütte die beiden erwartet, trägt eine helle Robe. Neben ihr steht eine weitere, ebenfalls ältere Wyrdin, die sich jedoch von allen anderen unterscheidet, da sie ein nachtblaues Gewand trägt.
Eine leise gesungene Melodie erfüllt die Abendluft, gibt der herauf wandernden Nacht ein Geleit, gesungen von den zarten, melodiösen Stimmen der Frauen der Wyrdgemeinschaft, das auch erst verstummt, als Alaric und Estelle bei Mutter Frederika anlangen. Die vorangegangenen Zwistigkeiten aller Beteiligten sind für diesen besonderen Abend beigelegt, so begrüßt man sich gegenseitig und respektvoll mit einem Kopfnicken seitens Alaric und Estelle, während Mutter Frederika die beiden vor sich mit jeweils einem Kuss auf die Stirn empfängt, ehe sie sich herumdreht und den letzten Weg voran in ihre Hütte anführt, in der das Bindungsritual stattfinden wird. Einzig die ältere Wyrdin im nachtblauen Gewand hat ebenfalls Zutritt und stellt sich, in der mit einem wahren Blumenmeer geschmückten Hütte direkt neben die Wyrdmutter, die nun direkt an der Feuerstelle steht und einige frische Kräuter in die Flammen wirft. Auf einem groben Holztisch steht mittig ein Kelch, davor wurden Runen platziert, noch und wohl in einer willkürlichen Anordnung. Eine einzige Wyrd, es ist Cyrena, die bisher ruhig und abwartend neben der Hütte stand, schließt nun die schwere Pforte der Hütte von außen und verwehrt der übrigen Gemeinschaft somit den Blick auf das, was innen vor sich gehen wird.





Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Dienstag, 12. März 2019, 12:12


XVI - Das Ritual Teil 2


Es vergeht etwas über eine Stunde, ehe die Hüttentür wieder geöffnet wird und, Mutter Frederika voran, die kleine Gesellschaft wieder heraustritt. Den Abschluss bildet die Wyrdin im nachtblauen Gewand, die nun jedoch ein wenig verstört dreinblickt. Alaric und Estelle tragen schmale Leinenstreifen um ihre Handgelenke, die sich unterhalb leicht rötlich gefärbt haben und davon zeugen, dass es sehr wohl ein Blutritual gegeben haben muss. Cyrena, die bis zu diesem Zeitpunkt neben der Tür ausgehaart hat, wirft den nun Verbundenen ein herzliches Lächeln zu das jedoch erstirbt, als ein besorgter Blick von Estelle die Antwort darauf ist und Alaric’s Lippen einem schmalen Strich gleichen, so sehr presst er sie aufeinander. Irgendetwas muss dort drin geschehen sein. Doch ehe sich Cyrena weitere Gedanken dazu machen kann, hebt das Wyrdoberhaupt beide Arme empor, woraufhin sofortige Ruhe bei allein eintritt.
„Sie sind nun verbunden - durch Blut und den Segen der Götter!“, verkündet sie ruhig und löst damit die gespannte und abwartende Stimmung der Gemeinschaft, die daraufhin in fröhliches Singen und Tanzen einfallen. Der offizielle Teil des Ritus ist vorüber, weshalb man sich nun dem vergnüglichen Teil dieser Nacht und der Zeremonie widmen kann.
Einige Schwester der Gemeinschaft nähern sich Alaric und Estelle, sprechen ihnen ihre guten Wünsche und Segnungen aus, ehe sie die beiden in ihre Mitte aufnehmen und zum vorbereiteten Festplatz führen. Ein Platz, umringt von kleineren Lagerfeuern, dem ein Freudenfeuer mittig platziert und mit Blumen, Kräutern verziert wurde, wird nun entzündet. Dazu wird nun Honigwein gereicht und ebenso Speisen. Von Wildkräutern bis hin zu Fisch wird liebevoll Zubereitetes geteilt, während die Fröhlichkeit keineswegs einer Hexengemeinschaft gleicht, eher einem gemeinen Volksfest.

Inmitten der fröhlichen, ausgelassenen Stimmung findet Cyrena dennoch einen Moment, in dem sie Estelle leicht am Unterarm berührt und etwas abseits der Feiernden führt.
„Was ist los mit dir?“, fragt sie direkt nach und schon trifft sie der traurige Blick ihrer besten Freundin und Schwester, ehe die sich in ihre Arme wirft und aufschluchzt.
„…die Vorhersagung…“, schluchzt sie stockend, während Träne um Träne die Tunika Cyrena’s benetzt.
„Was ist geschehen? Was wurde euch mitgeteilt?“, kommen bereits die nächsten Fragen, während Cyrena sanft und beruhigend mit ihrer Hand über Estelle’s Rücken streicht.
Mehrfach muss Estelle Luft holen, ehe das Schütteln ihres Körpers endlich nachlässt und sie sich die Tränen aus ihrem Gesicht wischen und sich leicht von Cyrena lösen kann.
„Es…“, setzt sie stockend an, atmend noch einmal tief durch, bevor sie weitersprechen kann. „Alaric und ich… wir bekommen ein Kind des Finstermonds!“


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Mittwoch, 13. März 2019, 14:48


XVII – Schatten unter dem Vollmond


„Wir reisen ab, noch in der nächsten Stunde!“
Alaric lehnt sich zu Estelle herüber, raunt ihr die Worte leise ins Ohr. Estelle dreht ihren Kopf zu ihm und sieht ihm an, dass er noch immer aufgebracht ist über das, was während der Zeremonie in dieser Hütte geschehen ist. Und auf eine Weise kann sie ihn verstehen. Ihr Haupt senkt sich, gedankenverloren zupft sie an der Leinenbinde, das um ihr Handgelenk geschlungen ist. Ob Alaric bereut, jemals diese Region betreten zu haben, sie getroffen zu haben? Düsternis senkt sich auf ihre Gedanken doch sie hat nicht den Mut, ihn danach zu fragen. Gerade erst sind sie verbunden worden, durch Worte und, was noch viel mächtiger ist, durch ihr Blut. Wie könnte sie ihn jetzt fragen und vielleicht eine Antwort bekommen, mit der sie den Rest ihres Lebens unglücklich wäre. Den Rest ihres Lebens mit Alaric. Oder was wäre, wenn er sie genau aus diesem Leben ausschließen würde, sobald sie Hochfels hinter sich ließen.
Ihre Hand legt sich über ihren Unterleib, schützend schon jetzt für das ungeborene Leben in sich. Ein Leben, für das sie nun mit Verantwortung trägt und auch tragen will.
Die Feier ist noch im Gange. Alle anderen sind fröhlich, tanzen, speisen und trinken. Einzig das Paar, das der Grund dieser ausgelassenen Stimmung ist, erscheint ernst, nachdenklich und auch verkrampft. Estelle weiß, dass sie sich Alaric beugen wird, gar beugen muss. Sie ist jetzt die seine, hat ihre Gemeinschaft, ihre Familie verlassen. Doch wenn sie ehrlich ist, ehrlich zu sich selbst, so hat sich auch ihr Gedankengut ein wenig verändert, hat sie Abstand gewonnen zu dem, was bisher ihr Lebensmittelpunkt war – die Gemeinschaft des Wyrd.
Nur zu gut erinnert sie sich an die ausgesprochene Prophezeiung, klingt sie in ihr nach wie ein nicht enden wollendes Echo:

Ein Kind, geboren in dunkelster Nacht,
wenn die Daedra überwinden den Schein der Geschwister,
so übergibt auch die Eine einen Teil ihrer Macht,
fordert dagegen ein Stück Lebenskraft.

Ein Kind, geboren in dunkelster Nacht,
verwehrt wird der Blick auf den leuchtenden Stern,
verschleiert die Ankunft,
durch göttliche Macht.

Der Finstermond. Seit jeher ranken sich Gerüchte darum, dass, wenn die Monde verhüllt sind, die Daedra Zugriff auf diese Welt erhalten, wenn das schützende Licht der Aedra in Finsternis gehalten wird. So sagt es zumindest die Legende, als sich der Wandel vollzog und die Bewohner Tamriels sich von den Daedra entsagen, ihre bittenden Worte und ihre Gaben den Aedra zukommen ließen. So gab es ein Vermächtnis zwischen den göttlichen Geschwistern, dass den Daedra bei Mondfinsternis ein Blick gewährt wurde, den sie auf ihre ehemaligen Anhänger werfen dürfen. Doch wer sich auch nur im Entferntesten mit den dunklen Gottheiten auseinander gesetzt hatte wusste, dass sie sich nicht grundlos um dieses Zugeständnis bemüht hatten.
In eben diesen Stunden hatten sie nun auch die Möglichkeit, ihre kalten Finger nach jenen auszustrecken, die schwach im Glauben und sich fern des gerechten Weges bewegten, deren Geist offen für die dunklen Künste und die fragwürdigen Mächte waren.
Ein Kind, geboren in diesen Stunden, war beeinflussbar, war ein leichtes Ziel und man konnte nicht abschätzen, welche Macht über ein Neugeborenes gelegt wurde, oder auch welcher Fluch. Den Teil ihrer Macht gegen ein Stück Lebenskraft – das sagte schon alles über den göttlichen Segen eines Daedra. Nicht wurde einfach nur geschenkt; es forderte stets einen Tribut und Estelle weiß gerade nicht, wie sie dem entgegenwirken kann oder könnte. Wie sollte sie ihr Kind schützen vor einem Übergriff, der sich ihrer eigenen Möglichkeiten entzog. Erneut streicht ihre Hand sanft über ihren Unterleib. Ihr ist, als könne sie das zarte Leben in ihrem Körper spüren, hätte es bereits jetzt einen Teil ihres Herzens für sich eingenommen.
Sie verstand nicht die Widersprüchlichkeit in den Fersen der Wyrd und es schien fast, als würde diese ebenfalls vor einem Rätsel stehen. Sollte ihr Ungeborenes wirklich einen dunklen Segen empfangen und dafür einen Teil seiner Lebenskraft einbüßen oder würde sich eine gütige göttliche Seele erbarmen, den Blick auf die Ankunft des neuen Bürgers Tamriels gekonnt zu verschleiern wissen?
Eine warme Hand legt sich über die ihre, lässt sie aufblicken und sanfte, voll Liebe gefüllte blaue Augen, die in der Dunkelheit einen ganz eigentümlichen Glanz aufweisen und deren Blick zärtlich und lächelnd zu ihr gehen, ihr damit einen Teil ihrer Sorgen auf einen Schlag nehmen.
War sie sich bis eben noch unsicher, was sie für die Zukunft zu erwarten hätte, so wird ihr nun gezeigt und bewusst, dass sich Alaric’s Gefühle zu ihr nicht verändert haben. Er ist noch immer willens, den Weg, wie steinig er auch immer werden mögen, mit ihre gemeinsam zu gehen. Und so führt sie seine Hand, wechselt die Positionen aus und legt die seine auf ihrem Unterleib ab als Zeichen, dass sie gemeinsam für das ungeborene Leben sorgen und es schützen werden.


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Freitag, 15. März 2019, 11:21


XVIII – Cyrena Teil 1


Die Abreise verzögert sich dann doch. So wird Estelle und Alaric für diese Nacht eine der Hütten zur Verfügung gestellt, in der sie die Nacht gemeinsam verbringen dürfen. Bereits früh am nächsten Morgen ist Alaric jedoch bereits wieder auf den Beinen, auch wenn er nur zwei knappe Stunden geschlafen hat. Sein Blick wandert zu Estelle, die noch friedlich auf dem Lager ruht. Ein sanftes Lächeln liegt um ihre Lippen und lässt sein Herz einen Tick schneller schlagen. So ungewollt dieses Ritual von ihm auch war, so hat er jetzt das Gefühl, nunmehr seine Gattin anzublicken. Schmunzelnd schüttelt er den Kopf und verlässt nach dem Ankleiden leise die Hütte. Er gönnt ihr noch die Ruhe, den Schlaf. Ihr und dem wachsenden Leben unter ihrem Herzen.

Tief saugt er die klare, wenn auch kühle Morgenluft in seine Lungen, als er vor der Hütte steht. Es ist noch so früh am Morgen, dass selbst im Lager der Wyrd noch Ruhe herrscht, er scheinbar der einzige ist, den es aus den Fellen getrieben hat. Er will die Pferde vorbereiten, für die Abreise bereit machen, als leise Stimmen ihn zum Verharren seiner Schritte veranlassen. Eine weibliche und eine männliche Stimme ist auszumachen, die leise, jedoch auch mit Nachdruck aufeinander einreden.
„…und ich sage dir: Begleite mich, Cyrena!“, kommt es mit dunkler Stimme von einem Sprecher und Alaric ahnt bereits, wem diese gehört. Kurz darauf wird seine Vermutung bestätigt.
„Und ich sage, dass ich genau hier bleibe, Fenrik!“, entgegnet die weibliche Stimme, die wohl Cyrena gehört.
Ein knurriges Brummen folgt, danach Stille. Achtsam blickt Alaric um die Hütte herum, hinter der er sich verschanzt hat. Nicht um zu lauschen, sondern um nicht in ein laufendes, eventuell wichtiges Gespräch hineinzuplatzen, zu unterbrechen, was Klärung benötigt. Was er nun jedoch sieht, verschlägt ihm dann doch ein wenig den Atem.
Fenrik steht in inniger Umarmung mit Cyrena, der besten Freundin von Estelle und hat seine Nase in ihr Haar vergraben. In diesem Moment wird ihm klar, weshalb der Blickaustausch zwischen den beiden stattfand, als Estelle und er zum Lager der Wyrd zurückkehrten. Schleunigst zieht er sich zurück, lässt ein kleines, gepfiffenes Lied erklingen, ehe er, für die beiden nunmehr sichtbar und nach einer kurzen Verzögerung aus dem Sichtschutz der Hütte heraustritt und sich den beiden somit zu erkennen gibt.
Cyrena, die sich in diesem Moment von Fenrik zurückziehen will, wird von ihm an Ort und Stelle in seinen Armen festgehalten und so offenbart sich Alaric nun auch ganz offiziell das sich umarmende Paar – zumindest von Fenrik’s Seite aus. Sein Pfeifen unterbrechend, legt sich ein Schmunzeln auf seinen Mund, während sein Blick zwischen den beiden wandert.
„Mutter Frederika wird nicht gerade entzückt darüber sein.“, kommentiert er das eben gesehene und erntet dafür ein breites Grinsen von Fenrik, dem entgegen ein Kopfschütteln von Cyrena.
„Sag mir Bescheid, sollten wir mit der nächsten Liste versorgt werden, wir weitere Zeit hier einplanen müssen, Fenrik.“
„Sie muss es nicht wissen, denn es wird keine Auswirkungen haben!“, erklärt Cyrena prompt ihr Kopfschütteln und macht den beiden Nord damit klar, dass sie auf keinen Fall dem Beispiel Estelle’s folgen und mit Fenrik mitgehen wird. Aus Enttäuschung oder dem Verstehen heraus, entlässt Fenrik sie fast umgehend aus seiner bärigen Umarmung, woraufhin sich Cyrena mit schwingenden Röcken abdreht, den beiden Männern ein knappes Kopfnicken zukommen lässt und ihrer Wege geht.

„Willst du mich zu den Pferden begleiten und mir erzählen, was in meiner Abwesenheit hier geschehen ist?“, lädt Alaric den sichtlich enttäuschten und nachdenklichen wirkenden Fenrik ein. Er sieht, dass seinen Kameraden zahlreiche Gedanken plagen und will ihm die Möglichkeit geben, diese mit ihm zu teilen. Eine Moment lang scheint Fenrik das Angebot zu überdenken, gibt dann jedoch ein knappes Nicken von sich und stellt sich an, Alaric zu folgen. Gemeinsam gehen die beiden Nord über die vom Morgentau nassen Grasflächen, hinüber zu dem Platz, an dem die Pferde untergebracht wurden, solange die Nord im Lager der Wyrd verweilen. Arius wiehert bereits lautstark, als er seines herannahenden Herrn gewahr wird und auch die anderen beiden Rösser, auf denen Estelle und Alaric tags zuvor angekommen sind, heben neugierig ihre mächtigen Köpfe.
„Nun, was soll ich groß sagen. Sie ist ein verdammt hübsches Weib mit Hüften, von denen ein Mann kaum den Blick abwenden kann. Hast du ihre Augen gesehen? Bei Shor’s Knochen, ich hab noch nie solchen Blick gesehen; wie der einer Raubkatze!“, erklärt sich nun Fenrik, zumindest in den Ansätzen und streicht sich mit seiner Hand dabei durch sein dunkelbraunes Haar, das ihm wirr und zerzaust über dem Kopf liegt. Geschlafen hat er in dieser Nacht scheinbar noch nicht, was auch seine Kleidung rückschließen lässt, die ein wenig verschwitzt und zerknittert um seinen vor Kraft strotzenden Körper liegt.
„Hast du sie denn…“
„Aber nein!“, wird Alaric’s Frage gleich im Ansatz abgeblockt. „Ich habe sie nicht ermuntert, Alaric! Sie hat mich schier verrückt gemacht, hat mit mir zusammen Arius versorgt und war auch immer dort, wo ich mich aufgehalten habe! Nun ja, vielleicht war auch ich immer dort, wo sie sich gerade aufhielt?“, erklärt Fenrik weiter und scheint noch beim Äußern seiner Worte erstaunt darüber, dass Cyrena scheinbar bewusst seine Nähe gesucht hat, ebenso wie er die ihre. Dennoch hebt der Nord fast entschuldigend die Schultern, lässt diese dann ein wenig kreisen, um die Verspannung heraus zu bekommen und die Geste zu wandeln.
„Ihr habt aber nicht…“
Alaric zieht die Augenbrauen hoch, als der Kopf seines Kameraden prompt zu Boden geht, bevor er sich abdreht und nach einer Bürste aus Schweineborsten greift und mit kräftigen Strichen damit beginnt, eines der Rösser zu striegeln.
„Fenrik!“, maßregelt Alaric seinen Kameraden und zwingt ihn, die Striegelei zu pausieren.
„Verdammt Alaric! Wir sind seit Monaten unterwegs, haben dabei immer auf der Planke zum Tod hin getanzt. Kannst du es mir verdenken?“, versucht Fenrik sich zu rechtfertigen, obwohl es selbst in seinen eigenen Ohren lahm klingt und es nicht der wahre Grund ist, weshalb er sich Cyrena zugewandt hat.
„Cyrena ist… sie hat…“, scheint er sich das Bild dieser hübschen Wyrdin noch einmal vor Augen zu holen.
Das junge Mädchen mit den nachtschwarzen Haaren, die in der Sonne einen fast bläulichen Schein abgeben. Die hellblauen Augen, die stets aberwitzig und klug zugleich dreinschauen und ihr geschwungener Mund, der stets zu lächeln scheint, auch wenn ihr Blick zuweilen ernst auf diese Welt schaut, so vieles in Frage zu stellen scheint. Für eine Bretonin ist sie hoch gewachsen, von zierlicher Gestalt und doch mit Kurven gesegnet, die zwangsläufig den Blick eines Mannes auf sich ziehen und länger darauf verweilen lassen. Ihr leichtfüßiger Gang hinterlässt den Eindruck, als würde sie knapp über die Oberfläche hinweg gleiten, sie den Boden kaum mit ihren Füßen berühren.
Auch Alaric blickt in die Richtung, die Cyrena eingeschlagen hat und obwohl sie längst den Blicken entschwunden ist kann er verstehen, was Fenrik derart in den Bann der jungen Wyrdin gezogen hat.
„Du hast ehrliche Absichten zu erkennen gegeben, mein Freund.“, spricht er seinen Kameraden daher zu einem Teil von der Schuld seines Handelns frei, auch wenn ihm sein Vorgehen nicht ganz recht ist, er weitere Komplikationen befürchtet, in Bezug auf das Wyrdoberhaupt.
„Aber sie will nicht! Will mich nicht und fordert nun, dass unsere Wege sich trennen – für immer!“, murrt Fenrik daraufhin und wirkt dabei deutlich geknickt.
„Warum zum Henker will sie hierbleiben, Alaric? Was hat sie hier schon, hm? In ihr pulsieren das Leben, die Freude und das Temperament. Sie passt nicht in diesen langatmigen Weiberhaufen, die den lieben langen Tag singen, Blumen pflücken, ihre Tränke brauen und um den Hexenkessel tanzen, nur um ihre überschüssige Kraft loszuwerden!“
Alaric unterdrückt kaum das kehlige Lachen, das aus ihm herausbrechen will, bevor er sich wieder seinem Hengst zuwendet und ihm nach dem Striegeln das hochwertige Zaumzeug anlegt. Das Sattelzeug hält er noch zurück, lässt seine Hand jedoch bereits über den Rist seines Pferdes weiter über dessen Rücken gleiten, bevor er innehält.
„Du wirst sie nicht zwingen können.“, muss er Fenrik enttäuschen. „Was diese Frauen hier beisammen hält, weshalb sie derart für sich leben und was auch immer der Mittelpunkt ihres Daseins sein mag, das werden wir nicht ergründen können, ebenso wenig verstehen, weil sie es uns nicht offenbaren – zumindest nicht alles davon.“, spricht der dann aus, was ihm bereits seit geraumer Zeit durch den Kopf geht, auch und mit Hinblick auf Estelle.




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Freitag, 15. März 2019, 11:25

XVIII - Cyrena Teil 2



Cyrena geht, bis sie sich an die kühle Steinwand einer der Hütten lehnen kann, sich den Blicken der beiden Nord entzogen hat. Tief atmet sie durch und schließt ihre Augen für einen langen Moment, bringt damit ihre Gedanken wieder zur Ordnung, ihre Gefühle in Einklang mit sich selbst.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht? War es aus dem Grund, was sie in Estelle’s Gesicht erblicken konnte, wenn sie in Alaric’s Nähe war? Dieser unerklärliche, glückselige Ausdruck in ihren Augen, als würde sich ihre Seele in einander widerspiegeln? Wollte sie spüren, was ihre Freundin in diesem Moment wohl fühlte?
Besonnen stellt sich Cyrena genau diese Fragen und kann, für sich selbst, jedoch nur eine anders geartete Antwort darauf finden: Für sie fühlte es sich nicht so an. Es war schön mit Fenrik, ein kleines Abenteuer, das auch und doch…

Sie blickt sich um, nimmt einmal mehr und auch bewusst wahr, was sie hier umgibt und ihr die Gefühle von Sicherheit und Wissen vermitteln. Der mächtige Wyrdbaum, dessen Blätterwerk silbrig im zarten Schein der Morgensonne glitzert. Das leise Raunen, das man nur vernimmt, wenn man still ist und sich die Zeit nimmt, ihm zuzulauschen.
Das Leben beginnt langsam in der Frauengemeinschaft: Helle, fröhliche Stimmen, die sich den üblichen Morgengruß zuwerfen, fleißige Hände, die das Leben und Fortbestehen am Laufen halten, sich emsig über den Tag hinweg bewegen, ohne die Last der Arbeit zu scheuen, die damit verbunden ist. Tagein und tagaus bewegt sich diese Gemeinschaft wie ein Uhrwerk, in dem ein Zahnrad in das andere zu greifen scheint, in dem aus einem Haufen zusammengewürfelter Frauen ein Zusammenhalt, ja eine Familie wird. Jede von ihnen hat Talente, Fähigkeiten und kann Cyrena etwas lehren, das ihren Blick weiter öffnet, den Hunger ihres Wissens weiter stillt und dabei neue Fragen aufwirft, die ihre Neugierde am Leben erhalten. Sie weiß was sie will und davon wird sie nicht abgehen. Und dazu gehört ebenso, Fenrik gehen zu lassen und das zu vergessen, was sie für diese kurze Zeit mit ihm geteilt hat. Es war nett, es war amüsant – aber mehr nicht. Sie hat ihre eigenen Pläne für ihr Leben, ohne Fenrik!


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Samstag, 16. März 2019, 12:37


XIX – Cyrena erinnert sich - Mit allen Wassern gewaschen Teil 1


Cyrena’s Blick folgt der abreisenden Gruppe so lange, bis sie aus ihrem Blickfeld entschwunden ist. Aldfelden, eine Reise über das Meer… wie gerne würde auch sie selbst so etwas einmal erleben. Doch sie gönnt es ihrer besten Freundin, gönnt es ihr von ganzem Herzen. Estelle ist ganz anders, als sie selbst: Sanftmütig, ruhig und bedacht, oftmals still und nachdenklich und stets scheint es, als würde sie jeden ihrer Schritte bis zum kleinsten Detail bedenken. Alaric und sie passen so hervorragend zusammen, scheinen beide in etwa aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein. Warmherzig, liebevoll und doch mit dem nötigen Hauch an Feuer in sich, dass es für die Erkundung und den Genuss des Lebens benötigt.
Cyrena dagegen ist temperamentvoll, oft nicht besonders einsichtig, was die Lehren ihrer Mitschwestern angeht und immun gegen Warnungen, die sie nicht versteht, angekündigte Risiken sich ihr nicht erschließen. Sie will selbst herausfinden, wo die Grenzen ihrer Möglichkeiten liegen, damit sie anschließend darüber hinaus gehen kann. Ihre Neugierde auf das Leben scheint teilweise grenzenlos zu sein und so scheut sie sich beispielsweise auch nicht, eigene Mischungen und Tränke zu probieren, ihr Wissen auf ihre Art und Weise zu erweitern. Sicher, ganz ohne Risiken ist das nie, doch bisher hat sie ihre Versuche stets überlebt, von einigen Bauch- und Magenkrämpfen abgesehen, auch davon, dass sie sogar schon eine Woche lang kein Essen bei sich behalten konnte. Doch hat auch diese Neugier dazu geführt, dass sie ein paar neue Tränke kreiert hat, deren Wirkung außer Frage stehen. Dazu kommt, dass sich ihr der tiefe Sinn der Runen offenbart hat und sie die Wirkung und Auswirkung einer jeden bis ins kleinste Detail kennt und diese auch auf verschiedene Arten anwenden kann.

„Wärt Ihr gerne mitgeritten?“, holt sie eine Stimme aus ihren Gedanken, lässt sie an ihre rechte Seite blicken, an der sich der verbliebene Nordkrieger aufgebaut hat und seinen Blick nun von oben über ihre Gestalt wandern lässt, während seine Arme lässig vor seiner Brust verschränkt sind.
„Nein, ich denke nicht. …oder doch?“, widerspricht Cyrena im ersten Moment, bevor sie sich selbst hinterfragt, ihre eigenen Wünsche.
„Man muss das Meer lieben, jede Bewegung davon und sich ganz und gar darauf einlassen, wenn man Schiffsreisen genießen will.“, erklärt der junge Krieger neben ihr und Cyrena lässt nun ihrerseits den Blick über ihn wandern.
Eine hohe Stirn, ein markantes und kantiges Gesicht, nicht ganz ebenmäßig, eher männlich und markant. Dunkelbraune, schulterlange Haare umrahmen sein Gesicht und seine untere Gesichtskontur schmückt ein Bart, der entlang seiner Unterkiefer und unterhalb des Kinns gewachsen ist und dort auch im Zaum gehalten wird. Dunkle, braune Augen, die sie ebenso neugierig und offen mustern, wie sie ihn und denen doch auch ein unnachgiebiger Ausdruck inne wohnt. Ein kraftvoller Körper, nicht zu sehnig und auch nicht zu massig, eben der eines Kriegers und seine muskulösen Arme geben Aufklärung darüber, dass er regelmäßig Schmiedewaffen führt. Er trägt ein naturweißes Leinenhemd, das sich leicht über seiner Brust spannt, darüber eine lederne, ärmellose Weste die mit Knöpfen versehen ist, auf denen das Emblem eines Bärenkopfs eingestanzt wurde. Seine langen Beine stecken in dunkelbraunen Lederhosen, deren Seiten mit Schnalle verziert sind und hochwertige, kniehohe Lederstiefel vollenden das Bild eines Kriegers außerhalb von Kriegszeiten, der sie um etwas mehr als eine Kopflänge überragt. So ruppig er auch wirkt und so unverhohlen er sie auch in Beschau nimmt, dabei ein schelmisches, fast anrüchig wirkendes Grinsen auf den Lippen tragend, um deren Mundwinkel ein fast arroganter Zug liegt, so scheint er doch aus einem höheren Haus zu stammen, schließt Cyrena aus seiner Kleidung und lässt ihren Blick weiter zu dem kraftvollen Hengst wandern, der für die nächsten Tage hier untergebracht ist; warum auch immer.
„Fenrik, nicht wahr?“, erinnert sie sich dunkel an seinen Namen, richtet sie das Wort an ihn, doch ihr Blick verbleibt auf dem stattlichen Pferd, das friedlich in der Nähe grast, dabei seine Ohren aufmerksam spielen lässt und sogleich folgen ihre nächsten Fragen.
„Wie ist sein Name und warum ist… bleibt er hier bei uns? Warum Ihr?“
Ihr Gesprächspartner vollführt eine fast formvollendete Verbeugung, der dennoch leichter Spott anhängig ist. Doch nicht gegen Cyrena, sondern gegen die Geste an sich. Seine Hand auf sein Herz legend, neigt er seinen Kopf leicht schrägend, während er sich vorstellt.
„Fenrik aus der Nähe von Amol in der Ostmarsch und die Schönheit dort drüben ist Arius, der Hengst von Alaric. Weshalb er hier ist, hier bleibt, das fragt Ihr am besten Euer Oberhaupt.“, stellt er sich bei ihr vor und beantwortet gleichzeitig die von ihr gestellten Fragen, lässt seinen offensichtlich angetanen Blick im Anschluss daran jedoch sehr direkt über ihre Gestalt gleiten.
„Und Ihr seid…?“, kommt auch sogleich seine Gegenfrage.

„Cyrena, komm, Mutter Frederika will dich sprechen!“, wird ihre eigene Vorstellung in diesem Moment im Keim erstickt, als sie zu ihren Pflichten gerufen wird.
"...ich bin beschäftigt, wie es scheint."
Sie bringt noch ein knappes Nicken zustande, ehe sie dem Aufruf folgt und sich auf den Weg zur Hütte der Wyrdanführerin begibt.
Ihr entgeht der Blick von Fenrik, der ihr nachgeworfen wird, der sich dabei von ihrem schmalen Rücken langsam abwärts bewegt, ehe der Krieger sich mit einem anerkennenden leisen Pfeifen und einem nicht minder anerkennenden Schmunzeln schließlich abwendet, er selbst seinen Pflichten nachgeht und sich um Arius kümmert, wie Alaric es der Wyrdmutter zugesagt hat.

Nur kurz darauf treffen die Beiden erneut aufeinander, denn Cyrena wurde mit der Obhut von Arius und Fenrik betraut und so lehrt sie der Krieger, geduldig und ruhig, mit nicht minderem Vergnügen daran, die rassige Wyrdin an seiner Seite zu haben, wie man ein
Pferd striegelt, es versorgt, die Hufe reinigt und auch Schweif und Mähne pflegt. Nach getaner Arbeit und auch beeindruckt davon, wie schnell Cyrena lernt und dabei zielgerichtet an dem Hengst arbeitet, blickt Fenrik sie an.

„Hast du schon einmal auf einem Pferd gesessen, kannst du vielleicht sogar reiten?“
Cyrena lacht auf, entfernt dabei die letzten Strohhalme aus dem Schweif des Hengstes.
„Nein, das gehört nun wahrlich nicht zu den alltäglichen Aufgaben hier im Wyrd.“
„Dann werde ich es dir ermöglichen!“, nimmt Fenrik das als Aufforderung, zögert nicht lange sondern umfasst mit seinen kraftvollen Händen die schmale Taille von Cyrena und setzt sie kurzerhand auf den Pferderücken. Auf große Gegenwehr stößt er dabei nicht, folgt einzig ein erstauntes „Huch“, als sie sich auf dem breiten Rücken von Arius ein wenig zurecht setzt und sich dann vorbeugt, ihre Hand am Hals entlang und durch die Mähne des Hengstes streichen lässt. Für den Moment steht Arius ruhig da, die Pflege hat ihn angenehm entspannt und das Fliegengewicht auf seinem Rücken ist nichts gegen das seines eigentlichen Reiters.
„Er muss bewegt werden, so oder so!“
Kaum gesagt, schwingt sich Fenrik hinter ihr auf den sattellosen Pferderücken, ergreift die Zügel und hält Cyrena’s Körper mit seinen Unterarmen bei sich, ehe er Arius kurz zuschnalzt und ihn damit in einen leichten Trab fallen lässt.

Sie nehmen den Weg am Fluss entlang, wobei Fenrik den Hengst übermütig durch das kalte Nass treibt, dass das Wasser an Cyrena’s bloßen Füßen und Beinen hochspritzt und ihr das eine oder andere verzückte Auflachen entlockt, bis sie schließlich den schmalen Strand am Meer erreichen. Der Ausblick von hier ist bezaubernd und so verharren Pferd und beide Reiter einen langen Moment atem- und sprachlos, lassen den Blick auf das im Sonnenlicht glitzernde Meer auf sich wirken, bis Cyrena das Wort an Fenrik richtet.
„Wir sollten langsam zurückreiten. Sonst stellt man mir Fragen – und dir sicherlich auch.“
Fast bedauernd klingt ihre Stimme, als hätte sie einen köstlichen Schluck Freiheit genossen, dessen Abgang nun verklingen würde.
„Wir werden einige Vorräte mitbringen und damit eine Erklärung für die Verspätung liefern.“, mit Schalk kommen die Worte vom Krieger, der sich vom Rücken Arius‘ schwingt, als sich die Situation urplötzlich verändert.

Eine Strandkrabbe hat sich unbemerkt dem Fuß von Arius genähert und der erhält, für einen unbeabsichtigten Hufschlenker in Richtung des Tiers einen Scherenkneifer in die Ferse, was ihn kurz steigen lässt und die, gerade recht entspannt auf seinem Rücken verweilende Reiterin, mit einem wenig anmutigen Überschlag vom Rücken befördert. Ihr Aufschlag am Boden wird jedoch vom
seichten Meerwasser abgefangen, in das sie mit einem dumpfen Platscher fällt, während der Hengst einige Schritte voran galoppiert und sich damit des lästigen Quälgeists entledigt.



Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Samstag, 16. März 2019, 12:48



XIX - Cyrena erinnert sich - Mit allen Wassern gewaschen Teil 2


Im ersten Moment erschrocken bleibt Cyrena vorerst im Wasser sitzen, ehe sie erst glucksende Laute von sich gibt, das in ein übermütiges Lachen übergeht. Fenrik, gleichermaßen erschrocken, als auch entsetzt, atmet erleichtert auf, nunmehr die Gewissheit habend, dass der jungen Wyrdin nichts Erstzunehmendes geschehen ist. Dennoch eilt er ihr entgegen und hilft ihr aus dem kalten Meerwasser heraus.
„Sieht so aus, als hätte ich gerade den größten Fisch an Land gezogen.“, kommt es lachend von ihm, während er sie galant aus dem Wasser heraus zurück an Land führt.
Die Wollkleidung hängt wie ein überschwerer Sack an Cyrena, hat sich derart schnell vollgesogen, dass sie ihre Schritte nur langsam und beschwerlich setzen kann. Ihre pechschwarzen Haare hängen ihr wirr ins Gesicht und die Kälte des Wassers zieht an ihren nackten Füße so schnell herauf, dass sie recht schnell zu zittern beginnt.
„Der größte Fisch, der dir wohl bisher von einem Pferd möglich gemacht wurde.“, entgegnet die bibbernde Cyrena, doch noch immer kichernd. Fenrik jedoch hat die Situation längst erkannt, einschätzend geht sein Blick in die Richtung, aus der sie gekommen sind.
„Du musst in die Wärme, sonst holst du dir den Tod und das…“
„…würde dir Mutter Frederika niemals verzeihen!“, ergänzt Cyra lachend den Satz, doch Fenrik schüttelt den Kopf.
„Nein, das würde ich mir nie verzeihen!“, korrigiert er sie und mustert sie einmal mehr. Unauffällig sieht dabei komplett anders aus.
„Es gibt eine Jagdhütte, unweit von hier.“
Inzwischen zittert Cyrena derart heftig, dass beim Sprechen sogar ihre Zähne aufeinander schlagen. Kurzerhand packt Fenrik Arius am Zügel, führt ihn zurück in Cyrena’s Nähe. Ohne zu fragen packt er Cyrena einmal mehr und setzt sie, tropfnass und vor Kälte schlotternd, auf den Pferderücken, sich selbst hinter sie schwingend.
„Wo entlang?“, fragt er nun knapp und Cyrena weist ihm die Richtung.
Wenig später erreichen sie die Hütte, doch der fehlende Rauch im Schornstein der Hütte weist darauf hin, dass diese gerade nicht genutzt wird. Fenrik stört das jedoch nicht im Geringsten. Er hebt Cyrena vom Pferd, doch anstatt sie selber laufen zu lassen, trägt der das pitschnasse Mädchen bis zur Hütte, stößt mit seiner Schulter die Holztür auf und stellt sie erst im Innern der Hütte auf ihre Füße.
„Ruhig stehenbleiben und mich machen lassen!“, gibt er ihr die kurze Anweisung, ehe er sich darum kümmert, rasch ein Feuer im steinernen Kamin in Gang zu bringen. Kaum getan, blickt er zu Cyrena.
„Raus aus den nassen Sachen, ich gebe dir eine Decke.“
Seine Anweisungen sind geübt und knapp gleichermaßen, sein Handeln zielgerichtet und gerade scheint er sich nicht darum zu scheren, dass er gerade einer jungen Frau den Befehl gegeben hat, sich vollständig zu entkleiden.
Mit einem kraftvollen Ruck zieht er eine grobe Wolldecke von einem Lager, ebenso einige der losen Felle darauf, die er mit Schwung in den Wärmebereich vor das flackernden Feuers wirft. Die Wolldecke noch immer in der Hand, blickt er erstaunt auf, als Cyrena noch nicht einmal im Ansatz damit begonnen hat, ihre Kleidung abzulegen, was ihm einen tiefen Seufzer entlockt.
„Zieh dich aus, wickel dich darin ein und ich… warte draußen!“
Er legt die Wolldecke vor ihren Füßen ab und wendet sich, ohne weiteres Zögern, der Holztür zu, durch die er dann auch tritt und diese geräuschvoll von außen schließt.
Fenrik gibt ihr genügend Zeit, versorgt unterdessen Arius. Seitlich an der Hütte sind einige Vorräte gelagert, so auch einige Kisten mit Äpfeln, Karotten und Mais, von denen er zwei Karotten Arius zukommen lässt. Breit grinsend steht er bei dem Hengst, klopft ihm leicht den Hals.
„Ein sehr guter Trick, mein Junge, den kannte ich noch gar nicht!“

Geraume Zeit später betritt Fenrik erneut die Hütte und schaut recht erstaunt, als neben dem Feuer eine kleine Tonschale platziert wurde, in der einige Apfelstücke und Pinienkerne langsam erwärmen, während aus dem Kessel über dem Feuer leichter Dampf aufsteigt, der einen dezenten, jedoch nicht unüblen Kräuterduft mit sich trägt. Cyrena, in die Decke gewickelt, kniet vor dem Feuer und verteilt wohl gerade noch die letzten Kräuter in dem aufkochenden Wasser, dreht leicht den Kopf in seine Richtung und lächelt.
„Wir teilen uns die Hütte mit den hiesigen Jägern. Sie versorgen uns mit Fleisch, dafür füllen wir die Vorräte hier mit Obst, Getreide und Gemüse auf. So handeln wir untereinander.“, erklärt sie die Entnahme und Verwendung der Vorräte und auch, weshalb sie von der Hütte wusste.
„Kein schlechter Handel!“, brummt Fenrik, der näher tritt und die Decke an Cyrena ein wenig höher zieht, damit ihre nackte Schulter bedeckt.
Die Äpfel geben einen herben Duft von sich und Fenrik kann jetzt auch erkennen, dass Cyrena ein wenig Honig darüber geträufelt hat. Ihre Kleidung hat sie über ein gespanntes Seil gelegt, das nahe des Feuers zwischen zwei Holzwänden gespannt wurde, wohl eben für genau diesen Zweck und auch, damit sie schnell trocknet. Angenehme Wärme breitet sich allmählich in der Hütte aus und so sitzen Cyrena und Fenrik gemütlich vor dem Feuer, unterhalten sich angeregt und essen nach und nach auch die Honigäpfel, samt der Pinienkerne.
Gemeinsam machen sie sich später auf den Rückweg, als Cyrena’s Kleidung zumindest soweit getrocknet ist, dass es für sie für die Dauer des Rückritts erträglich ist.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Sonntag, 17. März 2019, 18:06


XX – Cyrena erinnert sich – Lehren und lernen


„Er muss dich spüren, ohne dass du an der Trense reißt.“
Die Anweisungen sind klar und so setzt Cyrena es auch um, umfasst die Zügel nun beherzter und achtet dennoch darauf, mit der Trense nicht am empfindlichen Maul von Arius zu reißen, den Hengst nicht willentlich zu verletzen.
„Sehr gut, genau so! Lass dich auf ihn ein, spüre seine Bewegungen unter dir!“, kommt auch das Lob von Fenrik, der ihr heute die Möglichkeit gibt, selbst auf Arius zu reiten und ihn mit eigener Hand zu führen. Ihre Schenkel pressen sich enger an den Pferdeleib, lässt sie dadurch die kraftvollen Bewegungen des Hengstes unter sich spüren und vermittelt ihr das Gefühl, zu einer Einheit mit ihm zu verschmelzen. Welches Bild sie dabei abgeben, Pferd und Reiterin, darüber macht sie sich keine Gedanken. Doch Fenrik kann den Blick nicht abwenden. Wie eine Amazone wird Cyrena eins mit dem kraftvollen Arius. Das schwarze Fell des Pferdes fängt die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf, verfängt sich ebenso in Cyrena’s pechschwarzen Haaren, durch die der Wind hindurch spielt, während sie scheinbar die Zeit vergisst, sich tiefer an den Hals von Arius beugt und ihm wohl leise Worte zuflüstert. Selten hat man den Hengst derart konzentriert und gleichzeitig fliegend erlebt, als mit seiner derzeitigen Reiterin. Erst als sie sich einer Baumgruppe nähern, wendet Cyrena sachte den Hengst und lässt ihn das Stück galoppieren, zurück zu Fenrik.
Atemlos, mit aufblühenden Wangen, strahlenden Augen und einem glücklichen Lächeln trabt sie langsam aus, bis sie neben Fenrik zum Stillstand kommt und sie zärtlichen den Hals von Arius liebkost.
„Das ist ein unglaubliches Gefühl, mit dem Wind zu reiten und die Bewegungen von Arius in jedem Muskel vibrieren zu spüren. Du bist unglaublich, mein Junge.“, gibt sie wieder, was sie gerade empfunden hat und lässt sich von Fenrik helfen, den Rücken des geschmeidigen Hengstes zu verlassen.
„Du bist eine gute Reiterin. Jedes Pferd würde sich unter dir wohlfühlen“, erntet sie das anerkennende Lob von Fenrik und ein Blick auf ihn zeigt, dass er meint was er sagt.
Gemeinsam greifen sie nach einem Bündel Stroh und reiben damit den Schweiß vom Fell des Tieres. Cyrena pflegt danach noch einmal die ohnehin schon glänzende Mähne des Tieres und Arius genießt sichtlich die weibliche Hand an sich und wiehert und schnaubt bisweilen leise und freundschaftlich in ihre Richtung.
Fenrik lässt sie beide gewähren, lehnt sich unterdessen bequem und auch entspannt an einen nahen Baum. In seinen Mundwinkeln einen Strohhalm hin- und herschiebend scheint ihm zu gefallen, einfach nur der Beobachter zu sein. Sein Augenmerk liegt dabei jedoch auf der Pflegerin, denn auf dem Hengst, während die Sonne langsam am Horizont verschwindet und dem herannahenden Abend Platz macht.
„Hast du heute noch Pflichten zu erfüllen?“, fragt er Cyrena schließlich nach einer Weile stillen Beobachtens.
„Nein, mein Tagwerk ist für heute vollbracht, daher konnte ich diesen Reitunterricht ungehindert wahrnehmen.“
Die letzten pflegenden Bürstenstriche vollführend, legt Cyrena schließlich alle Utensilien ordentlich in einen Korb, wendet sich danach dem Horizont zu, der untergehenden Sonne.
„Ein weiterer Tag, der eine Geschichte schrieb.“, sinniert sie leise und derart zufriedenen Tons, dass Fenrik ihrem Blick folgt.
„So… kann man es sehen, ja.“
Er stößt sich vom Baum ab, spuckt den Strohhalm zu Boden und kommt auf Cyrena’s Höhe, greift leicht nach ihrem Ellenbogen.
„Lass uns zurückgehen und währenddessen erzähl mir ein wenig von dir, Amazone!“, ermuntert er sie lachend, lässt seinen wohlwollenden Blick dabei langsam von ihrem Gesicht an abwärts gleitet.

Der Weg ist zu kurz oder ihr Gespräch zu anregend, daher passieren sie den Gemeinschaftsplatz und gehen weiter, folgen dem Verlauf des Flusses, der sich durch dieses Tal schlängelt, während der Abend sich weiter herabsenkt und die Sterne sich im Flusswasser zu spiegeln beginnen.
„Denkst du wirklich, dass ich eine gute Reiterin abgeben würde?“
Cyrena hüpft zwei, drei Schritte voran, schwingt sich zu Fenrik herum und geht die nächsten Schritte rückwärts weiter, während sie gespannt auf die ehrliche Antwort des Kriegers wartet. Der überlegt noch einen Moment, ein schelmisches Grinsen tritt auf sein Gesicht, als Cyrena über einen Stein im Weg rutscht und für einen Moment den Halt verliert. Der schnellen Reaktion von Fenrik ist es zu verdanken, dass sie nicht hinschlägt, sein Arm sie nur einen Augenblick vor ihrem Fall um- und auffängt.
„Wärst du, sofern du nicht auf dem nächsten Stein ausrutscht und dir dein hübsches Genick dabei brichst.“
Er hält sie noch immer fest, ihren leicht nach hinten gebogenen Körper, als seine andere Hand an ihren Hinterkopf geht, sie dort ebenfalls festhält und seine Finger in ihren Haaren spielen.
„Verdammt Cyrena, sag was sonst nehme ich mir, was mir nicht zusteht“, knurrt Fenrik, jedoch eher halbherzig.
Doch sie sagt vorerst nichts, führt ihre Hand in seinen Nacken und gibt sich damit den benötigten Halt, um ihr Gesicht nah an das seine zu bringen, ihren Mund nur den Hauch entfernt von dem seinen.
„Verdammst du mich oder deine Gedanken, Krieger!“, wispert sie, lasziv und nah an seinen Lippen, ohne diese jedoch direkt zu berühren. Einzig ihr warmer Atem streift seinen angespannt wirkenden Mund, scheint ihm das Atmen zu erschweren. Sie weiß genau, dass sie ihn provoziert, seine Zurückhaltung über die Maßen strapaziert und doch fordert sie ihn heraus ohne wirklich zu wissen, wie er auf diese Herausforderung reagieren wird oder worauf sie sich einlässt.
Fenrik lässt sie nicht lange im Unklaren darüber. Er ist kein Mann, der sich einer solchen verlockenden Gelegenheit entzieht und so nehmen seine Lippen ohne weitere Vorwarnung die ihren in Besitz. Er kostet aus, was sie ihm so bereitwillig anbietet, lässt sie spüren, dass er ihr kräftemäßig überlegen ist und erforscht, liebkost und erobert ihren Mund, ihre Lippen, während er ihren Körper an seinen heranzieht, sein Griff an ihr fester und fordernder wird. Seine Hand fährt die Konturen ihres Leibes nach, seine Finger stehlen sich unter ihr wollenes Oberteil, bis er die warme und weiche Haut ihres Rückens unter seinen Fingerspitzen spürt. Ein leichtes Keuchen entfährt ihm und nur mit äußerster Willenskraft löst er sich noch einmal von ihr, betrachtet dunkel ihre nun leicht angeschwollenen Lippen, hört ihren schweren Atem.
„Letzte Möglichkeit, Mädchen!“, knurrt er und seine Worte klingen fast wie eine Warnung. Er verhilft ihrem Körper in eine aufrechte Position, doch seine Hand in ihrem Rücken presst ihren Leib gegen den seinen, hält sie auch weiterhin an seinem gefangen. Er lässt sie spüren, dass ihr fraulicher Körper mehr in ihm, als nur sein Interesse geweckt hat und gibt Cyrena ebenso klar durch seine Worte zu verstehen, dass es ihr letzte Chance ist, ihm und seiner Lust Einhalt zu gebieten. Seine Hand vergreift sich in ihren Haaren zwingt ihre Augen in die seinen. Dunkel, fast bedrohlich liegt sein Blick auf ihr, spiegelt seine erweckte Gier auf sie und ihren Körper wider. Doch Cyrena weiß selbst was sie will und so ist sie es, die sich nun seinem Mund erneut nähert, sie mit ihren weichen Lippen nach seiner Unterlippe greift und leicht ihre Zähne in sie schlägt. Sie spielt mit dem Feuer und ist bereit, sich daran zu verbrennen. Er ist nicht der erste Mann, der ihren Weg kreuzt und doch hat er seinen Vorgängern etwas voraus: Eine ungezügelte Kraft und einen ungebrochenen Willen.

Obwohl sie beide bereits einen großen Teil der Strecke hinter sich gebracht haben, dauert der Weg zur Hütte wesentlich länger. Nicht nur, weil sie ohne Pferd unterwegs sind, sondern weil sich auf dem Weg dorthin, so mancher Fels oder Baum anbietet, um Cyrena dagegen zu bringen und im Ansatz bereits das zu erforschen, was Fenrik zur Gänze erwarten wird. Und so sieht die kleine bescheidene Hütte in dieser Nacht mehr, als nur ruhende Fischer oder Wyrdinnen.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Dienstag, 19. März 2019, 16:32



XXI – Cyrena erinnert sich – Gemeinsam oder einsam

Fenrik zieht eines der losen Felle ein wenig höher, bedeckt damit Cyrena’s Körper und schützt ihn vor der kühlen Nachtluft, die durch die Ritzen der kleinen Hütte dringt, ohne Erbarmen und doch so natürlich zu dieser Jahreszeit.
Sanft wird sie von ihm samt Bedeckung auf die Seite gerollt und gibt sogleich einen Laut des Unmuts von sich, als Fenrik sich vom Lager erhebt. Mit langen Schritten durchschreitet er den Raum hin zur Feuerstelle, auf die von ihm ein dicker, vorbereiteter Holzscheit nachgelegt wird, um die erlöschenden Flammen neu zu beleben und in dem kleinen Innenraum somit die Wärme zu erhalten, die sich so tapfer den kalten Winden widersetzt. Es ist mitten in der Nacht und auch diesen Abend, wie bereits den vorangegangenen, haben sie sich davongemacht, die Dunkelheit und die eingekehrte Stille im Lager der Wyrd ausgekostet, um gemeinsam auf Arius‘ starkem Rücken die Hütte aufzusuchen, einander zu erleben und ihrer beider Ansinnen zu folgen.

Der Krieger hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht seine Blöße zu bedecken. Zum einen ist er Kälte gewohnt von dort, wo er zuhause ist und zum anderen führen ihn seine Schritte nach Wiederbelebung des Feuers zurück zu Cyrena. Kurz vor dem Lager hält er jedoch inne. Entspannt und mit dem ihm so eigenen, fast wölfischen Grinsen verschränkt er die Arme vor seiner nackten Brust und wirft einen langen Blick auf das Mädchen, das dort auf dem Lager ruht und ihren Kopf auf ihrem abgewinkelten Arm, in ihrer Handfläche ruhen lässt, während ihr Blick lächelnd zu ihm geht. Ihr dunkles Haar umrahmt ihren Kopf, gibt ihrem ebenmäßigen Gesicht den nötigen Kontrast, der ihr einen strahlenden Ausdruck verleiht. Verführerisch blitzen ihre Augen auf, während auch sie jeder seiner Bewegung mit den Augen folgt und auf ihren Lippen ein Lächeln trägt, das einer Sünde und einem Versprechen zugleich entspricht. Ein Bein auf dem Lager abgewinkelt senkt sie für einen Augenblick ihre dunklen Wimpern, die durch das von draußen hereinfallende Mondlicht einen zarten Schatten über ihre Augen werfen. Sie ist schön, keine Frage, doch das macht sie nicht aus. Er hat längst begriffen, dass sich in ihrem Kopf so viel mehr abspielt, als wohl viele ihrer Mitschwestern um sie herum wahrnehmen oder wissen. Ihr Geist ist ebenso wach wie auch neugierig, ihre gedanklichen Grenzen liegen so viel weiter weg als bei jedem Mädchen, ja jeder Frau, die er in seinem bisherigen Leben getroffen hat. Und zudem, so erinnert er sich sehr schmunzelnd, wohnen in ihr ein Temperament, eine Leidenschaft und ein Feuer, das seinesgleichen sucht und letztlich in ihm als Gegenpart gefunden hat. Sie beide sind sich so ähnlich, so unterschiedlich sie auch scheinen.

„Weshalb willst du mich nicht begleiten, kleine Hexe?“
Tief und deutlich hörbar seufzt sie auf seine Frage hin auf, lässt sich zurückfallen in die Felle und wollenen Decken, die das Lager zu einem Ort der Wärme und Ruhe machen. Ihren Kopf auf ihrem Unterarm ablegend, richtet sie ihren Blick zu der hölzernen, verrußten Decke hinauf und für einen Moment erweckt sie den Eindruck, als würde sie aus Langeweile heraus jeden einzelnen Deckenbalken dort zählen, bis sie ihm schließlich doch antwortet und zeigt, dass sie gedanklich wohl bei seiner Frage weilte.
„Wir haben dies bereits hunderte Male besprochen, Fenrik. Ich werde meine Meinung dazu nicht ändern! Mein Leben ist hier, bei der Wyrdgemeinschaft. Sie sind meine Lehrer und bergen die Antworten darauf, was sich mir Tag für Tag an neuen Fragen aufwirft.“
Sie richtet ihren Blick zu Fenrik hin, fast um sein Verständnis für sie bittend.
„Versteh doch, Krieger, ich passe nicht zu den normalen Menschen, nicht an deine Seite.“
Er versucht zu begreifen, setzt sich ernsthaft mit ihren Ausführungen auseinander und scheint durchaus gewillt, ihr Ansinnen zu akzeptieren und ihrem Willen zu folgen. Indes scheint in ihm gleichermaßen etwas aufzubegehren und ihn zu verleiten, ihre Bedenken und das, was sie will, einfach in den Wind zu schlagen und sich zu nehmen, wonach ihm ist und von dem er glaubt, dass es auch das Beste für sie ist.
Der Krieger will bereits gänzlich zum Lager zurückkehren, als ihn etwas in sich selbst aufhält, seine Brauen nachdenklich zusammenrücken und ihn seine Hand stockend auf sein Herz legen lässt. Was, bei allem Respekt zu Kyne, war das, was sich da in ihm ausbreitete, dumpf, hohl und ihn mit einem Gefühl von Leere erfüllte, ihn fast daran ertrinken ließ? Konnte es die gleiche Empfindung sein, die er sonst bei anderen hinterließ, wenn er sich nach einer leidenschaftlichen oder auch langweiligen Nacht von einer Frau verabschiedete in dem Wissen, dass sie nicht noch einmal sein Lager oder seine Nähe teilen würde? Wurde ihm hier gerade ein göttlicher Spiegel seines eigenen Verhaltens vorgehalten?
„Was ist, Fenrik, geht es dir nicht gut?“
Cyrena’s Blick liegt auf ihm, lässt sie sich abrupt aufrichten. Ihre Augen spiegeln Besorgnis wider und bezichtigen damit ihre eigenen Aussagen der Lüge, dass sie keine tieferen Empfindungen für ihn hegt, sie einzig ihre gemeinsame Zeit auskosten möchte.
Wahrlich, Cyrena schreckt der plötzliche vorherrschende Ausdruck auf Fenrik’s Gesicht. Der lebenslustige und willensstarke Fenrik, stets Herr seiner Sinne und auch seiner Wünsche und Begierden, wirkt auf einmal verletzlich und angreifbar. Unerklärlicherweise erfüllt das Cyrena mit Beklemmung und weckt gleichzeitig den Wunsch in ihr zu ihm zu eilen und ihm nun den Beistand zukommen zu lassen, den er ihr sonst immer zukommen lässt. Könnte es sein, dass ihn gerade eine Vision heimsucht, er eine Zukunft sieht, die ihn oder sein Leben bedroht? Sie selbst kennt dieses Gefühl von Visionen nur zu gut und weiß, wie es sich anfühlt etwas zu sehen oder zu erfahren, das irgendwann und vielleicht in weiter Ferne der Zukunft liegt und dabei ein dumpfes Gefühl hinterlässt heraus aus dem Wissen, dass das was kommt nur im begrenztem Maße wandel- und verhandelbar ist. Erst in genau diesem Augenblick wird ihr bewusst, dass sie sich gerade nicht um ihr eigenes Wohlergehen, ihr eigenes Leben sorgt, sondern dass ihr erster Gedanke ihm gilt, den sie so bewusst von ihrem Herzen fernhalten und ausschließen will.
Fenrik scheint sich hingegen langsam wieder zu fangen und lässt seine Hand langsam zurück an seine Seite gehen. Zugleich zeigt sich auf seinem Mund das ihr so vertraute, verschmitzte Lächeln, das stets auch den Ausdruck der Jagd in sich birgt; seiner ganz eigenen Jagd. Es wirkt überlegen, leicht anrüchig und setzt sich im Ausdruck seiner dunklen Augen fort, die sie mit einem Blick versehen, der ihr eine wohlige Gänsehaut über ihren Körper schickt und ein sanftes Kribbeln in ihrem Nacken auslöst. Dieser Blick ist es, der auch ihre Ängste und Befürchtungen zum Schweigen bringen.
Er übergeht ihre Frage nach seinem Befinden, hält jedoch drei Finger seiner rechten Hand hoch, während er sich zielgerichtet dem Lager nähert und sein Knie darauf absetzt.
„Wir haben dreimal darüber gesprochen, Hexe und jetzt werden wir dies noch einmal tun!“, kündigt er an, greift mit seinem Arm zu ihr herüber und zieht Cyrena mit einem kraftvollen Ruck zu sich heran.

Es ist nicht die erste, auch nicht die letzte Nacht in der sie diskutieren, sich einander öffnen und sich auch voreinander verschließen. Doch jede Nacht, die sie für sich ausnutzen während Alaric und Estelle unterwegs sind, ergibt sich das immer gleiche Bild wenn sie auf Arius zurück zum Wyrdlager reiten und sich heimlich wieder ins Lager schleichen. Cyrena und Fenrik strahlen eine innige Harmonie und Zufriedenheit aus, wie sie gemeinsam auf dem Pferderücken jede Meile hinauszuzögern versuchen, die sie zurück in die gelebte, verheimlichende Welt bringt und sie dem entzieht, wonach es sie beide im Grund verlangt. Und doch nähern sie sich einander nicht an, kommen zu keiner gemeinsamen Einigung, was den beiden, über Tag, so manche Trübung auf ihr Antlitz legt. Vor allem dann, wenn sich ihre heimlichen Blicke treffen, wenn sie sich nacheinander verzehren und sich dennoch anschweigen.


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Mittwoch, 20. März 2019, 23:25

XXII – Weisheiten

Es ist nur wenig später nach dem Gespräch zwischen Alaric und Fenrik, als Estelle von einen durch das Mauerfenster fallenden Sonnenstrahl an der Nase gekitzelt und dadurch geweckt wird. Schläfrig wandert ihre Hand über die andere Seite des Lagers was sie veranlasst, ihre Augen zu öffnen. Der Platz neben ihr ist leer, Alaric hat bereits Lager und Hütte verlassen. Ein Lächeln macht sich auf ihrem Gesicht breit, vereinnahmt ihr gesamtes Gesicht und bringt ihre Augen zum Strahlen. Selten war eine Nacht so warm und anheimelnd, wie die vergangene, die sie – nun ganz offiziell – an der Seite und in der Nähe von Alaric verbringen konnte und dürfte. Genüsslich streckt sie sich noch einmal, bevor sie ihre Beine über den Rand des Lagers schwingt und sich ebenfalls dem sonnig anmutenden Tag stellt. Rasch bringt sie Ordnung in Lager und Hütte, während sie auf einem zurechtgekauten, faserigen Birkenzweig kaut, ihre Zähne damit reinigt und auch den fahlen Geschmack von Speis und Trank der vergangenen Nacht vertreibt. Rasch kleidet sie sich danach an, wobei sie nur kurz überlegt, welche Kleidung sie wählt und sich für das Gewand entscheidet, das Alaric für sie in Dolchsturz erstanden hat.

Nur kurze Zeit darauf tritt Estelle aus der Hütte und sieht sich suchend um. Wohin könnte Alaric gegangen sein? Das Wiehern eines Pferdes, ungewöhnlich und eher selten bei den Wyrd, erregt ihre Aufmerksamkeit. Natürlich, die bevorstehende Abreise. Gerade will sie sich aufmachen, als Mutter Frederika auf sie zukommt.
„Ihr reist heute ab, daher möchte ich davor noch einmal mit dir sprechen, Estelle.“, spricht sie ihren Schützling mit ruhigen Worten an, begleitet von einer einladenden Geste in Richtung eines offenen Feuerplatzes in der Nähe. Kurz zögert Estelle, wandert ihr Blick zwischen dem Wyrdoberhaupt und dem Platz, wo die Pferde untergebracht sind, als Frederika ihre Gedanken zu erahnen scheint.
Er wird alles vorbereiten und glaube mir, er kennt sich sehr gut damit aus, ist auf deine helfende Hand nicht angewiesen.“
Estelle nickt und weiß, dass ihre „Mutter“ Recht hat, folgt ihr daher mit hin zum Lagerfeuer, an dem sich die beiden Frauen nah nebeneinander niedersetzen. Mutter Frederika reicht Estelle einen dampfenden Becher mit Kräutersud, bevor sie auch sich selbst einen nimmt und sanft darüber pustet, bevor sie Estelle den Grund ihrer Unterredung offenbart.
„Du warst recht jung, als du zu uns gebracht wurdest, Kind. Dennoch warst du offen und neugierig auf die Welt, hast dich hier sehr schnell eingelebt und warst eine gelehrige, gute Schülerin des Lebens und der Magie.“, setzt sie an und erlaubt Estelle damit gleichfalls, einen Blick in ihre zurückliegende Vergangenheit, die ihr so weit entfernt scheint, als läge sie einige Leben zurück. Während Estelle’s Gedanken dort ruhen, spricht das Oberhaupt weiter.
„Du warst und bist jemand Besonderes, Estelle, genau wie jeder andere Bewohner Tamriels und doch anders. In deiner Zeit hier hast du gelernt, dein Wesen, deine Fähigkeiten einzusetzen, wenn es angebracht war und es auch gleichermaßen zu zügeln.“, lobt sie den Werdegang ihres Zöglings und doch schwingt in ihren Worte eine leise Mahnung mit, die Estelle veranlasst ihren Blick zu Frederika zu heben, wobei sich ihre Stirn leicht umwölkt.
„Wir leben hier recht abgeschieden.“, erklärt sich die Wyrdmutter ohne Umschweife. „Es ist einfach, die Beherrschung zu bewahren, bewusst zu handeln und zu denken, wenn man sich selbst in Sicherheit und in einem Umfeld weiß, die dem eigenen Wesen entsprechen, beruhigend auf das Ich einwirken.“, beginnt sie ihre Ausführungen und lässt ihre Worte auf Estelle wirken, sie ihre eigenen Rückschlüsse ziehen, während sie einen Schluck des Suds zu sich nimmt und ihren Becher dabei mit beiden Händen umfasst.
Einen langen Moment ruhen Estelle’s Augen auf genau diesen Händen, deren Adern und Sehnen sich deutlich unter der Haut abzeichnen und von getaner Arbeit über viele Jahre sprechen. Diese Hände haben so manches Mal ihr Gesicht umfasst, ihre Hand gehalten und auch Tränen von ihren Wangen gestrichen, deren Erinnerung daran eine kleine Gefühlswelle in Estelle auslösen.
Estelle stellt ihren Becher beiseite, bringt eine Hand nah an die von Frederika und scheint die Berührung der Älteren zu erbitten. Lächelnd, mit feinen Fältchen um den Mund, kommt Frederika dem Wunsch ihres Schützlings nach, stellt ebenso ihren Becher beiseite und umfasst die Hand von Estelle mit ihren beiden, den Blick dabei in die jungen, lebensfrohen Augen Estelle’s versenkend, bevor sie leise zu ihr spricht.
„Du wirst dich dort draußen so mancher Herausforderung stellen müssen, Kind. Glück zu empfinden, Liebe zu empfangen ist nur ein Teil davon, jedoch nicht immer der leichteste. Nicht jeder in deinem Umfeld wird handeln, dass es immer nur zu deinem Vorteil gereichen wird. Du bist ein starkes Kind, eine starke junge Frau und trägst alles in dir, um zu entscheiden, für dich und zu deinen Gunsten. Das beinhaltet jedoch auch, nicht alles für dich und dein Leben anzunehmen, sondern zu entscheiden, was du für dich verwenden kannst und woraus du lernen willst.“, gehen die fast mütterlich klingenden Worte an Estelle, verbunden mit dem ruhigen und auch weisen Blick der Älteren. Im ersten Moment zögerlich nickend, wirkt Estelle’s Blick dennoch fragend, als müsse sie die tiefere Bedeutung der an sie gerichteten Worte erst erkennen. Einige Augenblicke später jedoch klärt sich ihr Gesicht, wird das Nicken zu einem verständigen und der Griff ihrer Hand erwidert den innigen Händedrück ihrer Mutter.
„Du hast mir alles mitgegeben, jeder von euch, dass ich meinen Weg gehen werde, Mutter.“, kommen hernach die ebenso leisen, als auch herzlichen Worte von Estelle.
„Mit dem Blick, den du mich gelehrt hast, werde ich unterscheiden können, wer mir Wohl oder Leid bringen will und beides werde ich vorerst mit einem Lächeln entgegennehmen, um klug und bedacht meine weiteren Schritte zu planen, eine Reaktion darauf zu bereiten.“, klingen ihre Wort wie das Versprechen, ihr Wesen und ihren Charakter auch fürderhin offen zu halten und aus dem zu lernen, was sie erwarten wird, in welche Richtung es auch immer gehen möge.
Die beiden Frauen am Feuer wirken stark, geschaffen für das Leben und auch geschaffen dafür, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, jedoch mit Bedacht und dem festen Willen, ihr Selbst dabei keinesfalls zu untergraben.
Der eben noch besorgte Blick Frederika’s weicht einem vertrauensvollen, lässt das Lächeln weiter über ihr vom Leben gezeichnetes Gesicht wandern.
„Bedenke immer, mein Kind, dass jeder Krieg zuerst im Kopf gewonnen wird, bevor die waffenschwingende Hand sich erhebt oder die Waffe dorthin zurückführt, an dem sie keinen Schaden verursacht. Willst du die Waffe jedoch einsetzten, und zu eben den Waffen gehört bereits das ausgesprochene Wort, so bedenke auch stets die Folgen, die damit einhergehen: Schmerz, Leid, Gegenwehr und auch offene Wunden, deren Heilung mehr Zeit verlangen, als die Verursachung erforderte. Bewahre den Frieden, solange du dich dabei nicht verlierst. Musst du jedoch kämpfen, so tue dies stets mit dem Herzen und deinem Verstand, den unverfälschten Blick auf das Danach gerichtet.“
Hier enden ihre Worte. Sie scheint ihrem Zögling mitgeteilt zu haben, was ihr am Herzen lag, zum Wohle von Estelle und auch dem, was sie umgeben wird. Der Rest ihrer Gedanken verbleibt bei ihr, doch der Druck ihrer Hände auf die von Estelle geben dieser etwas entscheidendes mit auf ihren zukünftigen Weg: Das uneingeschränkte Vertrauen einer Älteren, die ihren Schützling weit geführt hat und nun von der Hand entlässt, die sie bisher geführt hat, damit sie ihren eigenen Weg gehen kann.
Mutter Frederika beugt sich vor, gibt Estelle einen sanften, zarten Kuss auf die Stirn und ihre faltige Hand streicht noch einmal sanft über deren Wange, ehe sie sich vom Feuer erhebt und dabei auch Estelle’s Hand langsam aus den ihren gleiten lässt. Noch während das Wyrdoberhaupt sich langsam entfernt, breitet sich in Estelle ein neues Gefühl aus: Sie spürt, dass sie selbst nun einen Teil Verantwortung trägt, spürt, dass sie selbst eine kleine Wyrdenträgerin ist, die das Gelernte nun umsetzen wird, auf dem Weg der vor ihr liegt, dem Weg, den ein jeder „Leben“ nennt.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Sonntag, 24. März 2019, 15:45


XXIII – Der Drache im Bären


Sehr weit kommt Estelle nach diesem Gespräch mit Frederika nicht, als eine in Gedanken vertiefte Cyrena fast mit ihr zusammenprallt. Lachend umfasst Estelle ihre Freundin, blickt ihr tief in die Augen und erkennt die Nachdenklichkeit, vielleicht sogar Sorgen in ihnen. Einen Korb mit frisch geernteten Birkenzweigen in der Hand, trifft Estelle ein eher zaghaftes Lächeln von ihrer sonst so lebensfrohen, temperamentvollen Schwester und das ist auch der Grund, weshalb Estelle Cyrena sachte am Arm festhält.
„Auf ein Wort? Oder auch mehrere Wörter?“, bietet sie ihr an, schließt dabei kurz die Augen und öffnet sie mit dem Blick, der von wahrer Freundschaft und tiefem Verständnis zueinander spricht.
„Nein, ich… ich muss das hier wegbringen, sie mit Tüchern einschlagen, bevor sie austrocknen.“, will sich Cyrena anscheinend dem Gespräch entziehen, wobei der Grund dafür nicht ganz von der Hand zu weisen ist, die jungen Birkenzweige wirklich rasch austrocknen, sofern sie nicht in Leinentücher gehüllt, im trocken Schatten eingelagert werden. Estelle jedoch spürt und sieht, dass Cyrena etwas beschäftigt und sie legt sich ihre Hand unter eine Hälfte des Korbes, berührt dabei kurz die Hand ihrer Freundin, die endlich den Blick hebt und sogleich versteht. Ein leichtes Nicken des Einverständnisses, dass die beiden jungen Frauen gemeinsam für die Lagerung sorgen werden und sich gleichzeitig aussprechen.
Noch auf dem Weg platzt Cyrena mit der Wahrheit heraus.
„Fenrik und ich sind uns näher gekommen!“
Estelle bleibt ruhig, denn in einem Winkel ihres Verstands hatte sie bereits die stille Vermutung, die letztlich nur bestätigt wird.
„Und?“, lautet daher ihre schlichte Frage, die gleichzeitig Ermunterung für Cyrena sein soll, um ihr Herz auszuschütten und ihre Gedanken auszusprechen.
„…und er will, dass ich ihn, ich euch begleite.“, folgen die deutlich leiser ausgesprochenen Worte, gefolgt von einem tiefen, synchronen Einatmen – von beiden Frauen.
„Und?“, wiederholt sich die Frage Estelle’s, noch immer ruhig und auch abwartend.
„Ich werde hierbleiben, Estelle. Dein Weg ist nicht der, den ich gehen will. Das ist mir klar geworden und doch denke ich, dass meine Entscheidung für Fenrik nicht nachvollziehbar ist.“
Cyrena hält mitten auf dem Weg an, schaut Estelle an als erwarte sie, von ihrer Freundin gemaßregelt zu werden. Doch diese schweigt einen längeren Moment, ehe sie den Weg fortsetzt und auch Cyrena dabei zum Weitergehen animiert.
„Einen neuen Weg einzuschlagen birgt immer auch das Risiko zu merken, dass man für eben diesen neuen Weg nicht über das passende Schuhwerk verfügt.“, lautet schließlich die Antwort von Estelle, die ihren Blick dabei voran wirft, auf das Ziel ihres Gangs mit Cyrena, eine kleine Lagerhütte, unweit des mächtigen Wyrdbaums.
„Sein Schuhwerk…“, sinniert Cyrena nach einer Zeit des Schweigens, wohl auch den Nachdenkens, „…er scheint sich sicher, dass es dafür passen ist, doch meines ist eher für einen beständen Weg auf den Pfaden geeignet, die ich bis heute begangen habe.“
„Zuneigung ist nicht immer ein Gefühl, das auf die gleiche Intensität trifft. Doch sollte derjenige, der sie nur im verminderten Maße erwidern kann sich der Person annehmen, die sie von sich aus in großem Umfang und aus freiem Herzen gegeben hat.“

Die beiden Frauen sind an ihrem Ziel angelangt. Cyrena nimmt Estelle den Korb gänzlich ab, betritt die Kühle der kleinen Hütte, in der es blumig und aromatisch duftet. Hier scheinen viele verschiedene Vorräte einzulagern, die erst mit der Zeit gebraucht werden. Sorgfältig entnimmt sie die jungen Birkenäste dem Korb, breitet sie auf einem nahen Tisch aus und faltet hernach ein großes frisches, leicht feuchtes Leinentuch auseinander, das sie über die Zweige legt und sie hernach achtsam darin einschlägt, um sie anschließend in einem der Holzregale einzulagern. Sie verstaut noch den Tragekorb in einer Ecke der Hütte, in dem bereits andere Körbe ordentlich übereinander gestapelt sind, als sie sich erneut Estelle zuwendet, ihrer beider Blicke sich treffen.
„Du hast Recht. Ich habe ihm nur gesagt, dass ich nicht mit ihm gehe. Die Zeit genommen, ihm zu erklären weshalb ich das nicht möchte, habe ich mir allerdings nicht und das“, greift sie das Anraten ihrer Freundin auf, „war nicht richtig von mir.“, gibt sie schließlich auch vor sich selbst zu.
Estelle überwindet die räumliche Distanz, die die beiden Frauen voneinander trennt und umfängt Cyrena mit einer herzlichen und gleichermaßen tröstenden Umarmung.
„Gib dir die Zeit, die dir... euch derzeit vielleicht nicht gegeben ist, Cyra.“
Sanft gehen ihre Worte zu ihrer Freundin und machen ihr klar, dass sich Entscheidungen durchaus wandeln können, wenn sie übereilt und aus Zeitdruck heraus getroffen werden müssen. Sie scheint damit einen wunden Punkt bei Cyrena zu treffen, denn diese nickt zustimmend und erneut auch nachdenklich. Ihre Freundin in einer solchen Gemütsverfassung zu sehen, stimmt Estelle traurig und so folgt sie ihrem Herzen, greift mit beiden Händen um ihren eigenen Hals herum und löst das dort fixierte Amulett, dessen eine Hälfte sie selbst trägt, die andere Hälfte von Alaric getragen wird. Sie betrachtet es einen langen Moment, überlegt, ob ihr Handeln richtig ist und doch fühlt sie, dass ihr Ansinnen aus einem Impuls heraus erfolgt, den Alaric ebenso mit und bei seinem Gefährten Fenrik ereilen hätte können. Amuletthälfte und Lederband fest mit ihrer Hand umschließend, greift sie mit ihrer freien Hand nach der von Cyrena, dreht sie herum und legt es in deren Hand, ihre Finger ebenso sanft darum schließend. Dem erstaunten Blick ihrer Freundin begegnend, gibt sie auch eine Erklärung zu ihrer Gabe ab.
„Denke in Ruhe darüber nach. Lass dir Zeit und bedenke auch in Ruhe, was welcher Weg für dich bedeuten würde, liebste Cyra. Schuhwerk kann man wechseln, ebenso den Weg. Doch beide Schritte benötigen den Willen dazu und auch eine Entscheidung, mit der man den Rest seines Lebens in Einklang lebt. Solltest du je deine Meinung ändern, so wird dieses Amulett durch dich den Weg nach Himmelsrand finden. Zu dem Mann, dem du deine überdachte Entscheidung mitteilen möchtest.“
Andächtig öffnet Cyrena ihre Hand, betrachtet das Geschenk der Zeit, dass sie soeben von ihrer Schwester erhalten hat und staunt nicht schlecht über den Drachenkopf, den sie darauf erblickt, umgeben von den immerwährenden Ranken der Ewigkeit. Den Spruch auf der Rückseite kann sie in der Gänze nicht enthüllen, da die andere Hälfte des Amuletts wohl bei jemand anderem weilt.

Nichts ist….Wie die Fr….Nichts so wer…Vertra….

„Der Drachenkopf ist wunderbar dargestellt, doch sag mir, wie lautet die vollständige Inschrift?“
„Drachenkopf?“ Estelle neigt leicht ihren Kopf auf die Seite, korrigiert lächelnd die Aussage von Cyrena.
„Aber nein, das ist ein Bärenkopf, liebe Freundin.“
Tief überzeugt von dem was sie sieht schüttelt Cyrena den Kopf und hält das Amulett so, dass Estelle noch einmal einen Blick darauf werfen kann. Verblüfft gibt diese ein tiefes Einatmen von sich.
„Du hast Recht!“
Im verringerten Lichteinfall der Hütte ist nun deutlich zu erkennen, dass das Abbild auf dem Amulett derart kunstfertig ist, dass mehrere Bilder erkennbar sind, die auf den Blickwinkel und vielleicht sogar vom Betrachter abhängig sind. Eine Hälfte allein stellt wahrlich einen verschlungenen Drachen dar, während das zusammengelegte Amulett wiederum einen mächtigen Bärenkopf darstellt, wie Estelle selbst gesehen hatte.
„…und mir ist es nicht aufgefallen.“, schüttelt Estelle daraufhin lachend den Kopf, nimmt die Amuletthälfte aus Cyrena’s Hand und legt sie ihr vorsichtig um den Hals, verknotet das schmale Lederband in ihrem Nacken.
„Ich würde dieses Amulett gerne auch einem anderen Zweck zuschreiben“, folgt im Anschluss daran eine Bitte, dem ein aufmerksamer und auch neugieriger Blick aus Cyrena’s hellen Augen folgt, diese jedoch still abwartet, wie diese Bitte wohl lauten wird.
„Solltest du je in Not sein oder Hilfe benötigen, dann rufe mich damit an deine Seite und ich verspreche… nein, ich schwöre dir, dass mich nichts und niemand aufhalten wird, an deine Seite zu eilen.“
Stumm stehen sie die beiden Frauen danach wieder gegenüber, vereint seit frühen Kindertagen und damit auch durch ein festes Band, gewoben aus Freundschaft, Vertrauen und Zuneigung, geknüpft innerhalb der vorangegangener Zeit, die sie miteinander verlebt haben. Sie besiegeln ihren Schwur mit einer herzlichen Umarmung, ehe Estelle die Frage von Cyrena beantwortet, was die Inschrift als ganzes widergibt.
„Nichts ist so kostbar wie die Freiheit und nichts so wertvoll wie das Vertrauen – so lautet die vollständige Inschrift und möge dich begleiten, Cyrena.“

Andächtig geht Cyrena’s Hand zu dem Amulett, dass nunmehr leicht kühl um ihren Hals und auf ihrer Brust ruht, ehe sie langsam nickt. Ihrerseits geht eine nochmalige Umarmung zu ihrer Freundin und Schwester, dem ein Nicken folgt, das ihr Einverständnis besiegelt.



Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


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Dienstag, 26. März 2019, 11:43


XXIV – Ein Amulett das verbindet Teil 1


„Wann willst du aufbrechen?“
Eine Hand legt sich auf Alaric’s Schulterblatt, lässt ihn schmunzeln und sich langsam herumdrehen und gibt seinen Augen die Person preis, bei der er gerade in Gedanken verweilte. Sanft umfasst sein Arm, seine Hand die Taille von Estelle und zieht sie zu sich heran, um ihr einen zärtlichen und ausausgiebigen Kuss von ihren Lippen zu stehlen, bevor er ihr antwortet. Das leise genießerische Aufseufzen, verbunden mit einer Hand, die sich zärtlich auf seine Brust, direkt oberhalb seines Herzens legt, entlohnt ihn für seinen Diebstahl und lässt Alaric’s Blick über Estelle’s Anlitz wandern. Sie hat ihre Augen geschlossen, während ein glückliches Lächeln um ihre Lippen spielt. Sie legt ihren Kopf seitlich an seiner Brust ab und ihr leises Aufseufzen lässt Alaric erahnen, dass sie etwas beschäftigt. Seine Hand geht unter ihr Kinn, hebt ihr Gesicht zu ihm an, bis ihrer beider Blicke sich treffen.
„Was geht dir durch den Kopf, hm?“, hakt er leise nach.
„Cyrena…“, setzt sie an und ihm wird klar, worum es geht und dass auch Estelle nun von der Verbindung der zweien weiß.
„…und Fenrik. Ja, ich wurde… habe gesehen, was da wohl zwischen den beiden war oder auch ist.“
Bestätigend nickt Estelle und löst sich von Alaric, tritt einige Schritte zurück und beginnt vor Alaric nachdenklich auf und ab zu laufen. Ihre Stirn nachdenklich umwölkt, knetet sie ihre Finger. Sie spürt, dass sein Blick noch immer auf ihr ruht und so spannt sie ihn nicht länger auf die Folter, teilt sich ihm mit.
„Ich bin mir nicht sicher, ob Cyrena die richtige Entscheidung trifft, Alaric. Sie selbst scheint sich unsicher zu sein und wirkt sehr nachdenklich auf mich. Sie hat nicht wirklich viel Zeit, um das für sie richtige herauszufinden und ich befürchte, dass es um Fenrik nicht viel besser bestellt ist, oder?“
Aufmerksam lauscht Alaric ihren Bedenken und Ausführungen. Er selbst teilt beides und doch ist ihm ebenso bewusst, dass er selbst daran nicht viel ändern kann. Selbst wenn er die Abreise heraus zögert, laufen Cyrena und Fenrik Gefahr, dass ihre Verbindung entdeckt wird und eventuell schwerwiegende Konsequenzen für beide nach sich zieht, die ihnen womöglich eine eigene Entscheidung unmöglich macht.
„Selbst wenn wir unsere Abreise verschieben, Liebes, wird das nicht viel ändern oder zum Guten wenden. Zudem muss ich dir ganz offen sagen, dass ich… wir… im Grunde schon viel zu lange von Himmelsrand fort sind, mein Vater, der Clan schon zu lange auf meine Unterstützung und die meiner Gefährten verzichten muss.“
Alaric’s Worte klingen hart, doch sind sie auch der Wahrheit verbunden. Seine Genesung war eine notwendige und somit auch vertretbare Zeitverzögerung, doch alles was danach kam wäre vermeidbar gewesen und fordert sicherlich eine Erklärung gegenüber des Clans und auch in erster Linie gegenüber seiner Familie.
„Das ist mir bewusst und daher habe ich, so hoffe ich zumindest, eine zeitspendende Möglichkeit gefunden, mit der ich hoffe, auf dein Verständnis zu treffen, Alaric.“
Sich seines Blickes gewiss, der nun auf ihr ruht, zieht Estelle ihr Oberteil von ihrem Hals weg und entblößt ihren amulettlosen Hals. Alaric braucht nur einen Moment, ehe er erkennt was dort fehlt.
„Welche Geschichte geht mit dem fehlenden Amulett einher?“

Alaric hört Estelle erst einmal an, lässt sie erklären und ihm den Hintergrund ihres Handelns offenbaren. Einmal mehr erstaunt Alaric die Weisheit seiner Liebsten, die mit einer bloßen Geste die Möglichkeit gefunden hat eine Kluft zu überwinden, die zwei Menschen miteinander verbindet oder sie auch vielleicht für immer voneinander trennen wird. Seine Estelle in eine innige Umarmung ziehend, der ein nicht minder liebevoller Kuss folgt, zögert er nicht, sondern teilt ihr seine Haltung dazu mit.
„Du hast richtig gehandelt und ich denke, ich weiß um deine Bitte an mich.“
Ihre Bedenken zerstreuend, zieht Alaric sie näher an seinen Körper, neigt seinen Kopf zu dem ihren, flüstert die nächsten Worte in ihr Ohr.
„Ich werde Fenrik meine Hälfte des Amuletts anvertrauen. Doch du, meine Liebe, solltest bei dieser Übergabe anwesend sein und auch so Cyrena.“
Erleichterung über seine verständnisvolle Reaktion breitet sich in Estelle aus, lässt sie tief und befreit aufatmen. Ihre Hände in Alaric’s Nacken verschränkend schrägt sie fragend ihren Kopf, während sie ihn anblickt.
„Was versprichst du dir davon?“
„Nun, wir werden keinesfalls als Bezwinger ihres Willens auftreten. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass wir auf sie einwirken können in dem Maße, dass wir beiden freundschaftlich zur Seite stehen und sie auch noch einmal bewusst zusammenführen, sie im gegenseitigen Beisein die Chance gewährt bekommen, sich miteinander zu besprechen und gleichzeitig sich selbst und ihre derzeitige Entscheidung zu hinterfragen.“

Sein geplantes Vorgehen basiert auf Strategie und Erfahrung, die sich in seinem Leben wohl schon des Öfteren bewährt hat und so hinterfragt Estelle auch nicht weiter seine geplante Vorgehensweise, überlässt ihm den weiter erfolgenden Ablauf und nickt nur zustimmend. Eines jedoch ist gewiss: Sie müssen schnell agieren, die geplanten Schritte rasch und im Geheimen durchführen da die Zeit gegen sie spielt.

Alaric hat dabei die einfachere Aufgabe. Für ihn ist es ein leichtes Fenrik von einem gemeinsamen Treffen zu überzeugen. Estelle hingegen muss den richtigen Zeitpunkt abpassen, um Cyrena unbemerkt vom Lager wegzuführen und zum vereinbarten Treffpunkt zu begleiten, wo sie sich ungestört und auch unbemerkt einfinden können. Dennoch verläuft vorläufig alles wie von Alaric und Estelle geplant und so finden sich die Vier schließlich etwas entfernt vom Lager der Wyrd ein. Alaric hat sein Amulett bereits vom Hals gelöst und trägt es vor sich in seiner offenen Hand, erhebt auch als erster das Wort und klärt, weshalb sie sich auf die Schnelle und in aller Heimlichkeit zusammen gefunden haben.
„Wir können euch beiden nicht mehr Zeit verschaffen. Fenrik, du weißt um unsere Aufgaben, ebenso um die Rechtfertigung, mit der wir unseren langen Aufenthalt hier in Hochfels begründen müssen und werden.“
Fenrik nickt, wendet seinen Blick dabei von Cyrena weg und hin zu Alaric. Seine Anspannung ist ihm deutlich anzusehen. Seine Haltung wirkt beinahe militärisch. Mit leicht gespreizten Beinen steht er da, seine Hände sind in seinem Rücken zusammengeführt und selbst sein Nicken wirkt zackig und erinnert an ihn als Krieger, der seine Einsatzbefehle von seinem Anführer empfängt. Deutlich sanfter gehen dagegen die Worte von Estelle an Cyrena.
„Dir habe ich es bereits gegeben, die eine Hälfte des Amulett und dir auch gesagt, wofür es einstehen möge. Ich habe mich mit Alaric beraten und auch ich weiß, dass unsere Abreise kurz bevor steht, so sehr es mich auf schmerzt – für euch.“
Cyrena hebt den Kopf an. Ihre Gesicht spiegelt Müdigkeit wieder und auch die unzähligen Gedanken, die durch ihren Kopf wirbeln. Sie streckt sich, richtet sich zu voller Größe auf und begegnet nun auch dem Blick von Fenrik, den sie bisher tunlichst vermieden hat.
„Das ist mir bewusst und ich würde auch nicht um einen Zeitaufschub bitten, da meine Entscheidung…“
Alaric unterbricht sie unsanft und mit vehementen Worten an diesem Punkt ihrer Äußerung.
„An dieser Stelle werden wir euch nicht zu einem neuerlichen Überdenken eurer gefällten Entscheidung drängen und keinesfalls werden wir jetzt und hier Zeugen einer Debatte, die einzig euch beide betrifft.“
Mit langen Schritten überwindet Alaric die Distanz zu Fenrik und hält ihm seine offene Hand mit dem darin befindlichen Amulett entgegen. Dem fragenden Blick seines Gefährten begegnet er mit einer Erklärung.
„Cyrena ist im Besitz der anderen Hälfte davon. Estelle und ich haben es als Zeichen unserer Verbundenheit angelegt, es in diesem Sinne auch getragen. Da ihr beide nun nicht das Geschenk der Zeit habt, soll dieses Amulett euch dennoch verbinden, auch wenn ihr räumlich voneinander entfernt seid. Sollte einer von euch, egal wer, das Bedürfnis verspüren seine Entscheidung zu ändern, ein Leben mit dem anderen in Betracht ziehen, so verwendet jeweils eure Hälfte des Amuletts, um dieses als Nachricht dem anderen zukommen zu lassen.“


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Dienstag, 26. März 2019, 11:47

XXIV - Ein Amulett das verbindet Teil 2


Nach dieser Erklärung übergibt Alaric sein Amulett in Fenrik’s Hand. Seinen Blick prüfend zwischen seinem Krieger und der Wyrdin schwenken lassen, blickt er die beiden an, ob sie mit der Vorgehensweise einverstanden, sich ihnen der Sinn dieser Übergabe, dieses gemeinsamen Geschenks erschlossen hat. Ein beidseitiges Nicken gibt ihm darüber Gewissheit und so kehrt er zurück an Estelle’s Seite und legt seinen Arm leicht und doch auch besitzergreifend um ihre Taille.
Fenrik befestigt bereits das Amulett um seinen Hals, verknotet das Lederband in seinem Nacken und doch liegt sein Blick in diesem Augenblick auf Cyrena. Diese reagiert in dem Sinne, dass sie ihre Hand auf ihre Hälfte des von ihr getragenen Amuletts legt, als gäbe sie Fenrik ein unausgesprochenes Versprechen, ihre gefällte Entscheidung erneut zu überdenken, als Estelle ihre nächsten Worte verkündet, leise und mit leichtem Bedauern in der Stimme.
„Ihr… solltet euch vielleicht hier und jetzt voneinander verabschieden. Im Wyrdlager werden die Augen auf euch liegen und ihr werdet…“
Sie muss nicht erläutern, das ein offizieller Abschied der beiden voneinander anders aussehen werden muss, sofern ihre heimlichen Treffen unentdeckt bleiben sollen. Unabgesprochen und doch einig untereinander, wenden Alaric und Estelle sich herum, belassen die beiden ihrer letzten verfügbaren Zeit miteinander und gehen den Weg zurück zu den Wyrd, um die letzten Vorkehrungen ihre eigene Abreise zu treffen.

Fenrik sieht dem fortgehenden Paar noch hinterher, ehe sich sein Blick auf Cyrena legt, ein erzwungenes Lächeln seine Lippen anspannt.
„Ich werde dich nicht noch einmal bitten, mit mir zu gehen.“
Seine Worte wirken kühl und wohlüberlegt. Auch überwindet er nicht die Distanz, die Cyrena und ihn trennen und sie sich gerade wie Fremde gegenüberstehen lassen.
„Dafür bin ich dir dankbar, jedoch Fenrik…“
Cyrena entscheidet sich für das Gegenteil, geht die Schritte, die sie von ihm trennen und legt ihre Hände sanft auf seiner Brust ab, sucht mit ihren Augen seinen Blick, den er ihr auch schenkt.
„Ich werde dich nicht vergessen, das verspreche ich dir. Die Zeit mit dir war… ein Geschenk für mich und hat mir so viel gegeben.“
Sein Blick wirkt ebenso kühl, wie seine vorherigen Worte an sie, wie auch die jetzigen.
„Und doch war es dir nicht genug, wie es scheint.“
Kein Vorwurf liegt in seiner Stimme, er äußert lediglich eine Feststellung. Gleichzeitig löst er seine Hände aus dem Rücken, greift nach den ihren und hebt sie langsam und doch bestimmt von seiner Brust ab, führt sie zurück an ihre Seiten.
„Wir können und sollten dies hier abkürzen, Amulett hin oder her.“
Überdeutlich zeigen seine Worte, dass er ihre Entscheidung respektiert, er sich jedoch damit auch von ihr trennt und Cyrena ihrerseits, versteht und akzeptiert. Gemeinsam folgen sie kurz danach ebenfalls dem Weg zurück zur Wyrdgemeinschaft, doch heute haben sie sich voneinander entfernt und jeden Schritt den sie weitergehen, wird diese Distanz größer.


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Donnerstag, 28. März 2019, 17:23


XXV – Abschied vom Wyrd


Die Pferde wiehern und schnauben leise, während sie voll aufgezäumt bereit stehen. Die Frauen der Wyrdgemeinschaft haben sich allesamt zusammen gefunden, begleiten und verfolgen die Abreise von Estelle, Alaric und Fenric gemeinsam. Allen voran, als Matrone der Gemeinschaft, steht Frederika in würdevoller Haltung und sieht lächelnd Estelle entgegen, die sich ihr nähert.
„Es fällt… so schwer!“, kommen die Worte gepresst aus dem Mund ihres Schützlings und eine einsame Träne verlässt den Augenwinkel, bahnt sich ungehindert den Weg über die Wange.
„Es ist nur dieser Moment, den du überstehen musst und das wirst du, Kind“
Mutter Frederika wischt diese Träne nicht hinfort, doch lächelnd zieht sie die junge Frau einmal mehr in eine beschützende und warmherzige Umarmung, ehe sie Estelle freigibt und ein wenig von sich schiebt.
„Kein Abschied und kein Ende. Es ist ein Neubeginn – nicht mehr, nicht weniger.“
Ein sanfter Kuss wird auf die Stirn gesetzt, ehe sich das Wyrdoberhaupt Alaric zuwendet. Entgegen aller Zwistigkeiten, erfassen ihre Hände die seinen und halten sie fest und sicher.
„Achtet aufeinander und mögen eure Wege stets zu bewältigen sein, sollte es ihnen an Sicherheit fehlen.“
Leise gemurmelte Wort in einer anderen Sprache folgen und veranlassen Estelle und Alaric dazu, leicht ihren Kopf zu senken, während die Hände der Alten auf ihren Häuptern ruhen. Dann ist es vorüber, ziehen sich die Hände zurück und werden in die Ärmel der Tunika geführt, die Frederika für diesen Tag erwählt hat.
Alaric vollführt seine ihm typische Verbeugung, zollt noch einmal Respekt und ebenso seinen Dank gegen die Frau, die ihm sowohl Hindernisse in den Weg legte, als auch das für ihn größte Geschenk bereithielt – seine Estelle.
„Möge Euch der Segen der Götter stets gewiss sein, Mutter Frederika!“
Nach diesen Worten dreht Alaric sich um, geht zu seinem bereits wartenden Hengst, der seine Ohren spitzt und leicht mit den Hufen scharrt. Estelle umfängt hingegen noch die eine oder andere warme Umarmung ihrer Mitschwestern, gut gemeinte Wünsche und auch kleine Segnungen, ehe sie Cyrena erreicht, die blass und still ein wenig abseits steht und kaum den Blick zu heben vermag.
„Ich sage dir nicht Lebewohl!“, kommen fast trotzig ihre Worte an ihre Schwester.
„Nein! Nein, das musst du auch nicht.“
Estelle’s Worte klingen gepresst, bevor sie ihre liebste Freundin und Schwester in eine feste Umarmung zieht, die mehr ausdrückt, als Worte es jemals könnten. Unzählige Bitten, Wünsche und Worte gehen beiden Mädchen wohl durch den Kopf, wollen die Barriere von Kehle und Lippen überwinden und sich Gehör verschaffen. Doch sie bleiben beide stumm, lassen einzig ihre Herzen zueinander sprechen, ehe sie sich langsam voneinander lösen. Ihre Hände sind noch miteinander verbunden, als sie sich einen innigen, herzlichen Blick schenken, in dem smaragdgrüne Augen auf lichtblaue treffen und sie für diesen winzigen Augenblick noch einmal die Bilder ihrer gemeinsamen Vergangenheit vorgeführt bekommen, im Bruchteil von nur weniger Sekunden.
„Gib Acht auf dich, Schwester!“
Cyrena ist es, die sich mit diesen Worten endgültig von Estelle löst und sich abdreht. Sie hasst Abschiede und erst recht einen, der ihr schier das Herz zu brechen droht. Doch sie war und bleibt diejenige, die die benötigte Stärke in sich und für sie beide findet, um zumindest einer von ihnen Erleichterung zu verschaffen, während sie selbst bereit ist, sich dem Schmerz hinzugeben ohne sich davon brechen zu lassen.

Die Reiterschaft, bestehend aus Estelle, Alaric und Fenrik entfernt sich von der Wyrdgemeinschaft, schlägt den Weg ein zum provisorischen Lager der Nordmannen, in dem die restlichen Kameraden warten und die ebenfalls die endgültige und auch lang ersehnte Abreise aus Hochfels vorbereiten. Dem Lager, in dem Alaric eine Überraschung erwarten wird, in Gestalt eines kleinen, blonden Jünglings, der den Schutz und das Wohlwollen eines anderen Gefährten von Alaric sein Eigen nennen kann und darf.

Cyrena legt an Geschwindigkeit zu, läuft, so schnell ihre Beine es vermögen und mit hoch angehobenem Wollrock. Gleich einer Bergziege erklimmt sie die felsige Anhöhe in der Nähe, die einen natürlichen Sichtschutz zum Lager der Wyrd bildet und auf deren Plateau man einen weiten Blick über das vorliegende Tal werfen kann. Atemlos erreicht sie es, geht die letzten Schritte bis zum nahen Abgrund und wirft einen Blick über den Abgrund hinaus, hin zur wegreitenden Gemeinschaft. Wie auf Zuruf bäumt sich eines der Pferde auf, als sein Reiter ihm eine unvermutete Wendung befehligt. Der Reiter bleibt stehen und wendet den Kopf, direkt in ihre Richtung als hätte er gespürt, dass ihm ein Blick folgt. Ein atemloser Augenblick verstreicht ehe Cyrena ihre Hand hebt, als letzten Gruß zu dem Mann, dem ein Teil ihres Herzens für immer gehören wird – Fenrik.


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Dienstag, 9. April 2019, 14:40



XXVI – Im Lager der Nordmannen Teil 1


Am frühen Abend trifft der Reitertross im Lager ein. Anheimelnd wurden Feuer entzündet, Essen vorbereitet und sogar Fackeln entzündet, die den Einritt ins Lager einem anheimelnden Willkommensgruß gleichsetzen.
Die Reise verlief ruhig, hing ein jeder seinen eigenen Gedanken nach und auch dem, was vor ihnen liegen würde, wenn man Hochfels endgültig den Rücken zuwendet. Die Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit hat bei allen eine Veränderung mit sich gebracht, den einen oder anderen Blickwinkel verändert oder angepasst.

Estelle wird klar, das ab jetzt nichts mehr so ist, wie sie es bisher gewohnt war. Ein völlig neues Leben erwartet sie inmitten der Zivilisation. In Häusern, wo die Natur sonst ihre Zuhause war. Männer und Frauen gemischt, wo ansonsten ihre Mitschwestern die einzigen Ansprechpartner waren und Alaric’s Familie, der sie sich wird stellen müssen. Gleichsam klingen Galthor’s Erzählungen in ihr nach und doch macht sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen breit. Wird und kann sie den Anforderungen entsprechen? Was geschieht, wenn die Liebe zwischen Alaric und ihr nicht ausreicht, ihn Enttäuschung ereilt über das unwissende Verhalten seiner Liebsten? Was wäre, wenn sie schlimmstenfalls Schande über seinen Familiennamen bringt und welche Folgen würden daraus für sie entspringen?
Estelle hat Zeit, viel Zeit um sich diesen Gedanken zu widmen, während sie auf dem Weg zum Lager der Nordmannen sind.

Alaric ist mit den Gedanken in Himmelsrand. Bei seinem Vater, der auch zugleich der Thane und Clanführer ist. Wohl hatte er den einen und anderen Boten dorthin entsandt, der ihn mit den wichtigsten Nachrichten von seinem Sohn versorgte, während sie sich in Hochfels weilten und doch sind da noch so viele Veränderungen, die Alaric direkt mit sich trägt und mit denen er seinen Vater auf direktem Weg konfrontieren wird.
Seine Mutter hingegen ist über das Eintreffen von Estelle und ihm im Bilde und fiebert ihrer beider Ankunft bereits entgegen in dem Wissen, dass auch ein Nachfolger auf dem Weg ist, den Estelle unter ihrem Herzen trägt. Auch ist sich Alaric nicht sicher, wie und in welchem Umfang sein Vater ihn weiterhin in die Pflicht nehmen wird. Reisen in entlegenere Gebiete waren für ihn bisher immer mit Freude verbunden. Doch nun steht er im Begriff eine Familie zu gründen, die auch Verpflichtungen und Vorsorge mit sich bringen. Er ist sich unschlüssig, wie eine Lösung aussehen kann und geht dennoch in seinen Gedanken verschiedene Lösungsmöglichkeiten durch. Keine davon hinterlässt dabei in ihm ein Gefühl, dass es die beste ist.

Fenrik hat sich ein Stück zurückfallen lassen, behält dennoch die beiden Vorreiter aufmerksam im Visier. Zu sehr hängt ihm die Zeit mit Cyrena nach. Zeit, die sich in sein Gedächtnis gebrannt hat und in ihm nun die unterschiedlichsten Gefühle auslöst. Ein ums andere Mal geht dabei seine Hand zu seinem Hals hin, fühlt sich das dort befindliche Amulett mal schwerer, mal leichter an und ruft in ihm gegensätzliche Emotionen hervor die von Sehnsucht bis hin zu Wut wechseln. Mehrmals atmet er tief gegen diese Empfindungen an. So kennt er sich selbst nicht. Verstrickt in eigene Widersprüchlichkeiten und auch fernab von der Konzentration auf das, was ihn für gewöhnlich ausmacht: Taktik, Kampfgeist, seine Liebe zur Freiheit und Loyalität. Nichts davon scheint gerade in ihm zu wohnen. Er fühlt sich wie eine abgebrannte Steppe und leer. Einige wenige Male ist er gar versucht sein Pferd zu wenden, zurückzureiten und Cyrena zu zwingen mit ihm zu gehen indem er bekannt macht, was zwischen ihnen war und, wie er hofft, auch noch immer ist. Dieser letztmalige Gedanke ist es dann auch, der ihn innehalten lässt. Niemals wäre er ein Verräter, niemals würde er jemanden hintergehen um etwas zu erhalten, was rechtens gar nicht seins ist. Einmal mehr wandert seine Hand zum Amulett, als er leicht zurückzuckt und seinen Finger betrachtet. Scheinbar hat er sich daran geschnitten, denn etwas Blut tritt aus einer feinen Wunde an seiner Fingerkuppe aus. Unwirsch wischt er es sich an seiner Hose ab und lenkt seine Gedanken bewusst dorthin, wo sie sein sollen: Auf der Rückreise nach Himmelsrand, zurück in seine Heimat und dem Quell seiner Persönlichkeit und Stärke.

„Sie sind da!“
Ein blonder Jüngling hat wohl Ausschau nach den Erwarteten gehalten und rennt die Strecke zum Lager zurück, seine Worte wiederholend.
„Sie sind da!“
Das eben noch geruhsame Lager erwacht zum Leben. Zeltplanen werden zurückgeschlagen und einige Männer in nordischer Kleidung treten heraus. Ebenso ist eine kräftige Frau darunter, die sich nun ihre nassen Hände an einer umgebundenen Schürze abwischt und sich im Anschluss daran die zum losen Dutt gebundenen Haare zu ordnen versucht.
„Himmel, da bin ich ja gerade noch rechtzeitig fertig geworden“, gibt sie dabei von sich und ruft den Jungen an ihre Seite.
„Marius, stell dich zwischen Torben und mich, dann kannst du die Pferde gleich in Empfang nehmen und sie zum Verschlag führen.“
Ein kurzes, bekräftigendes Nicken folgt. Der Junge zieht nun auch seine Kleidung zurecht, stellt sich zwischen die kräftige Nord und Torben, der ihm auch sogleich seine Hand auf die Schulter legt und ihm beruhigend zu schmunzelt.
„Bleib ruhig, zeig was du gelernt hast und um den Rest kümmere ich mich!“, gehen die beruhigenden Worte des Kriegers zu dem Burschen, dem die Aufregung durch die Rötung auf seinen Wangen anzusehen ist. Der Junge nickt, richtet sich sodann kerzengerade auf und wartet geduldig, dass die Reiter ins Lager einreiten.
Allen voran reitet Alaric, gefolgt von Estelle und Fenrik, der den Abschluss der Gruppe bildet. Kurz vor dem Halbkreis der Wartenden zügelt Alaric sein Pferd und steigt ab. Sich die Handschuhe abziehend werden ihm die Zügel von Arius vom Blondschopf abgenommen. Alaric scheint ihm ein Lächeln, ehe sein Blick noch einmal auf den Jungen fällt, ihn kurz zögern lässt als ein flüchtiges Wiedererkennen ihn streift.
„Danke, mein Junge!“, entgegnet er dennoch, ehe er sich zu Estelle hin bewegt, um ihr aus dem Sattel zu helfen. Ihr beide Arme entgegen streckend, dreht diese sich auch bereits leicht im Sattel herum und scheint seine Absteighilfe nur zu gern in Anspruch zu nehmen. Am Boden verbleibt sie noch einen Moment in seiner Nähe, sieht zu ihm auf und ein beruhigender, als auch liebevoller Blick trifft sie.
„Noch nicht zuhause, aber doch schon ein Stück Heimat.“, raunt er ihr mit einem Schmunzeln zu, ehe er seinen Arm einladend ausbreitet, hin zu den Leuten, die Estelle teilweise schon vom Schiff her kennt. Begrüßungen, herzlich und aufrichtig, werden geäußert, nehmen Estelle zwanglos in ihre Mitte auf und heißen sie willkommen. Und so vertreibt es auch Estelle’s erste Bedenken als sie einmal mehr gewahr wird, wie herzlich und auch ehrlich die an sie gerichteten Worte ausfallen. Nun löst sich auch die Frau ab und geht auf Estelle zu, legt ihr sogleich einen Arm um die Schulter.
„Ich… bin Juna.“, stellt sie sich vor und begleitet ihre Worte mit einem warmen Lächeln.
„Kindchen, du musst ganz erschöpft sein und… Himmel, hat man dir nichts Anständiges zu essen gegeben?“
Ehe Estelle noch reagieren kann, werden ihre Arme vom Körper weggehalten, ihre schlanke Gestalt in Augenschein genommen. Juna scheint ganz in ihrem Element zu sein, scheucht die paar Nord, die noch in Estelle’s Nähe verweilen auf die Seite.
„Macht Platz, ihr Barbaren und lasst mich das Mädchen einer frauengerechten Behandlung zuführen!“
Leicht schnaubend und doch kameradschaftlich gehen die Worte zu den Männern hin, die jedoch gehorsam den Weg freigeben, damit Juna Estelle zu einem Zelt führen kann, das wohl der körperlichen Reinigung und Entspannung dient.


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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Thayana

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Allianz: Dolchsturz-Bündnis

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Dienstag, 9. April 2019, 14:43

XXVI - Im Lager der Nordmannen Teil 2

Alaric betrachtet noch einen Moment grinsend die Vorgänge, ehe er sich kopfschüttelnd abwendet und auf Fenrik zusteuert, der noch scheinbar gedankenverloren neben seinem Pferd steht. Eine Hand von ihm wandert durch die Mähne des Tiers, während sein Blick in die Ferne gerichtet ist. Alaric’s Hand hingegen landet mit einem kameradschaftlichen Schlag an Fenrik’s Schulter.
„Alles in Ordnung?“
Fenrik’s Kopf verbleibt in der Richtung, doch seine Lider senkt sich ein wenig ehe er ein Nicken von sich gibt und sich zu Alaric dreht.
„Sicher, warum auch nicht! Lass uns Hochfels so bald wie möglich hinter uns lassen und dorthin heimkehren, wo wir erwünscht und zuhause sind.“
Alaric blickt sich um Lager um, das sich inzwischen recht gut ausgeweitet hat ob ihres langen Aufenthalts hier.
„Ich denke, in zwei Tagen haben wir alles abgebaut und können weiter nach Dolchsturz reisen, um aufs Schiff nach Hause zu gehen.“, beruhigt er seinen Kameraden, versetzt ihm noch einen freundschaftlichen Schlag gegen die Schulter und wendet sich dann um, als jemand seinen Namen ruft.
„Alaric? Auf ein Wort, sofern es deine Zeit erlaubt.“
Torben ist herangetreten, dennoch den beiden Männern den Raum für ein persönliches Gespräch lassend. Alaric nickt kurz, löst seine Hand von der Schulter Fenrik’s und geht ihm entgegen.
„Dann… lass uns reden.“
„Beschäftigt ihn was?“

Torben nickt zu Fenrik hin, bemerkt seinen abwesenden Blick und auch seine nachdenkliche Haltung, als Alaric erneut zu Fenrik sieht.
„Er wird wieder!“, beruhigt er Torben und hofft innerlich, dass Fenrik die Geschehnisse alsbald überwunden haben wird.

„Nun, mein Freund, was gibt es so dringendes?“
Alaric bewegt sich mit Torben in eine ruhigere Ecke des Lagers, um in Ruhe mit ihm sprechen zu können. Die Hand des Kriegers liegt auf dem Knauf seines Schwertes und mit jedem Schritt den sie tun, scheint er über einen möglichen Gesprächsansatz nachzudenken, ehe er mit ruhiger und besonnener Stimme sein Anliegen vorträgt.
„Du erinnerst dich an den kleinen Dieb aus Dolchsturz? Marius?“
Ein Nicken von Alaric ist die Antwort darauf, weshalb Torben fortfährt.
„Ich sprach mit ihm, als wir unser Lager erreichten und ihm hier die dringend notwendige Versorgung zuteilwurde.“
Torben hält an, dreht sich zu Alaric herum und deutet mit einer Hand zurück auf das Lager, von dem sie beide sich ein Stück weit entfernt haben.
„Alaric, er hat hier niemanden, der ein Auge auf ihn hält und du weißt selbst, dass die kalte Jahreszeit jeden Tag unerbittlich näher kommt. Wenn wir ihn hier seinem Schicksal überlassen, dann war dein Einsatz für ihn gänzlich umsonst.“
Alaric wendet ebenfalls seinen Blick zum Lager hin. Der Junge, der ihm sein Pferd abgenommen hat. Kein Wunder, dass er ihm ein wenig bekannt vorkam. Nachdenklich senkt er den Blick, fährt mit einer Hand über die Bartstoppeln an seinem Kinn.
„Wenn er wirklich niemanden hier hat, dann stimme ich dir zu und es ist fraglich, ob er auf Dauer alleine auf sich gestellt überleben wird. Ich nehme an, dass er auch der Grund unseres Gespräches ist?“
Das Nicken kommt nun von Torben.
„Ich möchte dich bitten, dass wir den Jungen mit nach Himmelsrand nehmen, Alaric.“
Torben beugt möglichen Einwänden Alaric’s vor, führt seine Idee und deren Hintergrund weiter aus.
„Die letzten Tage hat sich Marius nützlich gemacht und bei den Pferden gelernt. Er ist aufmerksam und lernbereit, macht sich sehr gut in und mit seiner neuen Aufgabe. Du weißt, ich selbst hatte nicht das Glück mit Kindern gesegnet worden zu sein, da meine Frau viel zu früh nach Sovngarde ging.“
Alaric’s Blick wird deutlich weicher, als er auch eine Hand auf die Schulter von Torben legt und diese leicht drückt. Er erinnert sich nur zu gut daran, als das Fieber Torben’s Frau ereilte und sie ans Lager band. Schmerzlich hatte er verfolgt, wie sie zum Schatten ihrer selbst wurde und kein Medicus ihr helfen konnte. Für Torben selbst was die Zeit nicht weniger hart, denn seine Frau war stets zu kränklich gewesen, als dass sie ein Kind hätte gebären können. Und dennoch hatte der Krieger so viel Zeit wie möglich an ihrer Seite verbracht und so manche Nacht gewacht, um ihr beizustehen bis schließlich ihr Ende kam und sie nach Sovngarde heimkehrte.
Nachdenklich liegt Alaric’s Blick auf Torben. Die feinen Linien auf seiner Stirn haben sich in den letzten Jahren verstärkt und sind stumme Zeugen für die Jahre des Kampfes, die dieser Krieger ausgetragen hat. So einige davon inzwischen an Alaric’s Seite und zudem war er einer von den Männern, denen er sein Leben verdankt, weil sie ihn ebenfalls nicht aufgegeben haben.
„Nun, mein Freund, da Dolchsturz unmissverständlich geklärt hat, dass der Junge nun unser Problem ist, habe ich keinerlei Einwände, dass er mit uns reist und du ihn in Himmelsrand legitimierst. Wie und in welchem Umfang, das überlasse ich dir und deinen Gedanken. Meinen Segen hast du jedoch.“


Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.


Jean-Jacques Rousseau

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