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Freitag, 13. April 2018, 13:59

Unter dem Zeichen des Schattens

Eine große Ehre





Es war Nacht. Es regnete. Der junge Schlüpfling stand in der Mitte einer Reihe anderer Schlüpflinge - mit ihm dreizehn an der Zahl - , die wie er gerade mal stehen und sprechen konnten. Sie blickten geradeaus zu einer Gruppe seltsamer Leute, die wiederum jene Schlüpflinge musternd anstarrten. Zwei Argonier, ein Mann und eine Frau, in dunkler Kleidung, dass sie in der Nacht kaum zu sehen waren und zwei Trockenhäute, die ebenfalls in einer Kluft steckten, als hätten sie sich mit der Nacht selbst gekleidet.

Der Schlüpfling wurde unruhig. Er spürte, dass seine Eigeschwister links und rechts neben ihm ebenfalls unruhig wurden. Wäre nicht seine Eimutter hinter ihm gewesen, er wäre vor diesen dunklen Gestalten geflüchtet - einfach schnell weg gerannt und ab in das nächstbeste Schlammloch, bis die warme Sonne sich wieder gezeigt hätte. Aber seine Eimutter war da, das spürte er, ohne sich umdrehen zu müssen, auch wenn er es gerne getan hätte.

Die Trockenhäute sprachen etwas in ihrer eigenartigen Trockensprache. Der Schlüpfling verstand sie nicht, was ihn noch unruhiger machte. Auch konnte er die Gestalten nicht genau erkennen. Es war zu dunkel und sie waren beide mit einer Kapuze und Tüchern vor den Mündern verschleiert. Nur ihre Augen starrten sie an. Der Schlüpfling schluckte schwer und er bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Dann sprach der Argonier: "Dreizehn geben sie uns." Die Argonierin nickte: "Xhu, der Utak-Meya-Stamm war wieder fleißig." Sie lachte kurz und ihr Blick fiel auf den Schlüpfling. "Sieh mal, er hat ja nicht mal Hörner." Sie lachte erneut. Es stimmte. Er hatte keine Hörner. Nicht einmal Federn. Die anderen hatten welche, wenngleich auch nur Ansätze davon. Die anderen Schlüpflinge hatten sich deswegen schon über ihn lustig gemacht. Doch heute blieben sie stumm. Kein Gelächter in Anwesenheit der dunklen Gestalten.

Die Argonier betrachteten noch einen Moment die dreizehn Schlüpflinge vor sich. Dann sahen sie zu den zwei Trockenhäute. Einer nickte. Dann erhob der Argoniermann das Wort: "Wisst ihr, warum ihr hier seid? Ihr seid hier, weil euch die größte Ehre zuteil wird, die einen Saxhleel treffen kann. Ihr wurdet unter dem Zeichen des Schattens geboren. Wisst ihr, was das bedeutet?", wiederholte er, "Das bedeutet, dass ihr auserwählt seid. Auserwählt, zu dienen." Die Argonierin nickte dazu einmal, ehe der Argonier fortfuhr: "Oh ja, ihr werdet Diener sein. Diener von Vater Sithis, Diener der Mutter der Nacht, Diener der Hist und Diener für euer Volk. Eine große Ehre." Dann ergriff die Argonierin das Wort: "Xhu, eine große Ehre. Ihr werdet mit uns kommen und lernen - lernen, zu dienen. Und wenn ihr zurückkehrt, werdet ihr großes Ansehen genießen. Man wird euch Schattenschuppen nennen. Eure Feinde werden zittern und euer Volk wird zu euch aufschauen und der Schreckensvater und seine unheilige Braut werden auf euch hinab lächeln."

Der Schlüpfling schluckte erneut. Er begriff kaum etwas von dem, was sie sagte, aber sprach sie von mitkommen? Der Drang, sich zu seiner Eimutter umzudrehen, wuchs in ihm immer stärker heran. Wieder sprach der Argonier: "Ihr werdet in den Künsten des Mordens ausgebildet, in den Künsten des Schleichens, des Verbergens und des Überlebens unter den härtesten Bedingungen, die man sich vorstellen kann. Ich will ehrlich sein. Nicht alle werden es von euch schaffen. So rasch, wie die Hist euch eine Seele gaben, werdet ihr sie vielleicht schon bald wieder zurückgeben." Der Schlüpfling verstand die Worte noch nicht ganz, ehe die Argonierin dann wieder nickte: "Das ist wahr, mit Sicherheit werden einige von euch sterben."

Sterben! Die kurzen Beine des Schlüpflings zitterten. Beide Argonier hoben ihre Lefze zu einem "Grinsen" an. Die Atmung des Schlüpflings wurde immer schneller und heftiger. Er konnte nicht mehr. Er fuhr herum und rannte zu seiner Eimutter. Diese war völlig überrascht. Er klammerte sich an ihren Beinen fest und jammerte. Sie ging in die Hocke und beruhigte den armen Schlüpfling. "Habe keine Angst", sagte sie, "Habe keine Angst. Dir wird nichts geschehen, ja? Sei stark und halte durch. Dann wirst du dein Volk stolz machen. Und mich." Der Schlüpfling klammerte sich noch einige Atemzüge lang trotz dieser Worte an seine Eimutter fest, ehe er langsam losließ. Sie drehte ihn herum und führte ihn zurück an seinen Platz in der Reihe der dreizehn Schlüpflinge.

Die dunklen Gestalten beobachteten die Szenerie still und ohne Regung. Die Argonierin sprach wieder: "Nun gut. Es ist Zeit, wie die Trockenhäute sagen würden. Der Weg ist weit." Sie winkte die Schlüpflinge zu sich. Langsam, sehr zögerlich tappsten sie alle voran. Der hornlose Schlüpfling fühlte sich noch immer, als würde er nicht auf Schlamm sondern auf einer wackelige Brücke, die jeden Moment einstürzen könnte, schreiten. Er war froh, als er merkte, dass nicht nur er, sondern auch die anderen Schlüpflinge sich nach ihren Eimüttern umsahen. Es sollte für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein.

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Sonntag, 15. April 2018, 12:25

Ernstfall





Es war Nacht. Es regnete. Der nicht mehr ganz so junge Schlüpfling atmete tief durch und wartete, hoch oben in den Kronen eines alten Marschbaumes. "Sei geduldig. Nimm dir ein Beispiel an den Tieren", hatte sein Ausbilder ihm gesagt, "Wenn es etwas auf der Welt gibt, das Geduld kennt, dann sind es die Hist, die Wildnis und wir." Die Hist, die Wildnis und wir. Der Schlüpfling versuchte, sich dies immer wieder in den Kopf zurück zu rufen, während er von der Baumkrone aus ein Lager von Trockenhäuten beobachtete. Es waren Dunmer und sie waren hier, um das zu tun, was Dunmer immer taten: Saxhleel entführen. Seit einigen Wochen schon schlichen sie sich durch den Dschungel der Marschen und fingen unvorsichtige Argonier ein, vor allem Schlüpflinge, die sich zu weit von den Grenzen ihrer Dörfer hinaus trauten. Doch heute Nacht würde es enden. Heute Nacht würden die Schattenschuppen die Seelen der Dunmer zu Vater Sithis schicken.

Der junge Argonier in der Baumkrone atmete allmählich schwerer. In den letzten Jahren wurde er genau auf solche Aufgaben vorbereitet. Die Ausbilder trieben ihn und die anderen Schlüpflinge zu Höchstleistungen und das nicht nur auf körperliche, sonder auch auf geistige Weise. Die Ausbildung war hart und von den dreizehn Schlüpflingen, die aus seinem Stamm mit ihm zur Ausbildungsstätte der Schattenschuppen und der Dunklen Bruderschaft mitkamen, waren bereits vier tot, einer verschollen und zwei weitere wieder nach Hause zurückgekehrt. Mit den Gruppen an jungen Argonier aus anderen Stämmen sah es nicht viel anders aus.

"Lernt und übt schnell, oder sterbt", hatten ihnen die Ausbilder gesagt. Der junge Schlüpfling begriff die Worte, als schon nach zwei Wochen der erste Artgenosse aus einem anderen Stamm, kaum älter als er selber, nach einer Ausdauerübung tot zusammenbrach. Und so ging es immer weiter, egal ob Klettern, Ausdauertraining, Körperkraft, Waffengang, tage- bis wochenlanges Marschieren durch den Urwald, oder gar das scheinbar endlose Ausharren in einem Gewässer. Wem die Kraft, die Ausdauer, aber vor allem der stählerne Wille fehlte, blieb auf der Strecke. Die Schlüpflinge wurden weniger. Doch jene, die blieben, die durchhielten, wurden stärker - und tödlicher.

So war es in dieser Nacht nun soweit. Der Schlüpfling in der Baumkrone wurde auf seinen ersten echten Einsatz geschickt. Jedoch nicht alleine. Auch wenn sie weder zu sehen, noch zu hören waren, so wusste der Schlüpfling, dass noch mehr da waren. Mehr Auszubildende und die Ausbilder. Die Dunmer, die unten lachten, aßen, tranken, schliefen und sich über die Saxhleel in ihren Käfigen lustig machten, ahnten nicht, was auf sie zukommen würde.

"Siehst du den in der Lederrüstung? Mit dem Bogen? Er wird heute dein Ziel sein. Eliminiere ihn, wenn es losgeht. Mach die Mutter der Nacht stolz." Das waren die letzten Worte seines Ausbilders. Er war mit ihm hoch geklettert, ging mit ihm die letzten Details durch und verschwand anschließend wieder in der Dunkelheit. Seitdem harrte der Schlüpfling oben in der Baumkrone aus. Wartete, bis etwas geschah. "Wenn der Zauberer dort in der Robe stirbt, ist das dein Zeichen." Seitdem behielt er nicht nur sein Ziel, sondern auch den Zauberer, ein Dunmer in blauer Robe, im Auge. Und das Warten nahm kein Ende. In der Ausbildungsstätte waren nicht nur Schattenschuppen sondern auch Trockenhäute der Dunklen Bruderschaft. Durch sie lernten sie alle die Sprachen der Menschen und Elfen, lernten neue Konzepte, unter anderem das der Zeit. Und dem Schlüpfling in der Baumkrone wurde um so mehr klar, was es bedeutete, schier endlos zu warten, wenn die Zeit, obwohl die selbe Anzahl an Minuten, manchmal länger und manchmal kürzer verstrich. Heute Nacht verstrich sie länger als sonst.

Dennoch behielt er sein Ziel und den Magier im Blick. Keine Nachlässigkeit!, rief er sich in Erinnerung. Dann sah er etwas. Der Magier, der auf einem Stuhl saß und in einem Buch las, hob den Kopf. Er sah sich um. Nach links, nach rechts. Er stand auf und machte zwei schritte vor. Die anderen Dunmer sahen ihn fragend an. Dann knickte der Magier seinen Rücken durch, als wollte er sich strecken. Aus seinem Hals spritzte das Blut und er sackte zusammen. Die anderen Dunkelelfen sahen geschockt zu, wie der Magier am Boden verendete, konnten sich das alles nicht erklären. Da erschien hinter dem toten Dunmer eine dunkle Gestalt. Ausbilderin Mitaan, dachte der Schlüpfling. Er hatte diese Fähigkeit von ihr beim Training oft gesehen, aber noch nie in einem Ernstfall.

Als er so den Toten vor ihr sah, wurde ihm auch gleich flau im Magen. Es ist ernst. Ernst. ERNST! Er begriff, dass es keine Übung war. Es war der nackte Ernst. Er musste nun tun, was man ihm auftrug, sonst würde alles noch schief gehen. Der Schlüpfling spannte den Bogen, er hatte bereits einen Pfeil eingelegt und suchte sein Opfer. Er war nicht da. Verdammt! Er hatte nicht aufgepasst. Gehetzt suchte er den Lagerplatz, der nun in Panik geriet, mit seinen Augen ab. Die Dunmer zogen ihre Waffen, mehr Schattenschuppen erschienen und die Lage wurde unübersichtlich. Dann entdeckte er ihn. Der Dunmer, der Bogenschütze, sein Opfer.

Der Dunmer kauerte verängstigt hinter einigen Kiste. Den Bogen muss er wohl fallengelassen haben, denn er war unbewaffnet. Der Schlüpfling dachte gehetzt nach. Der Mann da unten war keine Gefahr. Im Gegenteil. Aber er war sein Opfer, Sithis versprochen. Dieses Versprechen zu brechen würde sein Ende bedeuten. Strafe. Oder noch Schlimmeres.

So zielte der Schlüpfling, genau auf den Kopf des Dunmers, der sich dort starr hinter den Kisten verbarg, während seine Volksgenossen abgeschlachtet wurde. Und dann schoss er. Ein kurzes Surren, dann sackte der Dunmer auch schon zusammen, am Kopf getroffen.

War das richtig?, dachte der Schlüpfling, Er war unbewaffnet. Er hatte Furcht. War er unschuldig? "Es gibt keine Unschuld", flüsterte er für sich selber. Und doch fühlte es sich eigenartig an. Zum ersten Mal hatte er ein Leben genommen. Der erste Mord. Der erste von Vielen. Denn dafür wurde er ausgebildet. Zum Morden. Zum Jagen von denkenden und fühlenden Wesen.

Der Platz unten beruhigte sich allmählich. Kein Dunkelelf, der noch lebte. Nur Schattenschuppen und die gefangenen Argonier. Der Schlüpfling oben schulterte seinen Bogen und kletterte wie ein leiser Schatten den Baum herunter. Der Treffpunkt sollte im Lager sein. Er war froh darüber. So würden die anderen nicht sehen, dass er unten an der Baumwurzel einen Moment verharrte, schwer atmete und sich dann übergab, ohne jedoch zu wissen, dass er damit nicht der Einzige sein würde.






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Dienstag, 17. April 2018, 11:17

Trampelnder-Kagouti





Es war Tag. Die Sonne wurde von dichten Wolken verdeckt, aber es war trocken. Der horn- und federlose Saxhleel, den die Trockenhäute wohl einen Jugendlichen nennen würden, stand inmitten eines matschigen Kreises, der ihm und den anwesenden Argoniern als Kampfbereich diente. Außer ihm war noch ein weiterer jugendlicher Argonier, dessen Nase von zahlreichen kleinen Hörnern geschmückt wurde, im Kampfbereich. Der Rest stand rundherum aufgestellt und beobachtete die Szene, die sich ihnen bot.

Der "Nasenhörnige" schnaufte und hockte mit einem Knie im Matsch. Er umgriff mit einer Hand ein langes und schmales Schwert, schien jedoch Schwierigkeiten zu haben, sich wieder aufzuraffen. Er blickte zu seinem Gegner. Der schmucklose Argonier wirbelte mit seinen zwei machetenartige Schwerter zur Demonstration seiner Überlegenheit und umkreiste den Kauernden. Dieser schrie plötzlich wutentbrannt los und holte weit mit dem dem Schwert aus. Den Schwung nutzte er, um wieder auf die Beine zu kommen. Der Schlag selber nützte nichts. Der "Schmucklose" wich mit einer Leichtigkeit aus, dass die Klinge ihm nicht eine Sekunde gefährlich werden konnte. Wieder und wieder versuchte der "Nasenhörnige" seinen Gegner zu erwischen. Doch jedes Mal wich er von Neuem aus, sprang zurück, zur Seite und sogar nach vorne, wenn es ihm passte.

Der letzte Schwertstreich des "Nasenhörnigen" hatte kaum noch Kraft, er stolperte nach vorne, konnte sich gerade noch so fangen, da bekam er einen der Schwertknäufe seines Gegners im Rücken zu spüren, dann an den Flanken und zu guter Letzte, als er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht umwandte, mitten auf die Stirn. Für den "Nasenhörnigen" wurde wohl alles schwarz vor Augen und mit einem Platschen landete er regungslos im Matsch.

Der schmucklose jugendliche Argonier sah zufrieden auf seinen Gegner, der von zwei Zuschauern aus dem Ring gezogen wurde. Der fünfte Sieg heute. Alleine nur heute. Er ließ den Blick schweifen. Einige jubelten, einige sahen still zu ihm. Neider, dachte er, ich kann es spüren. Möglicherweise lag er damit richtig. Der Saxhleel hatte hart an sich selber gearbeitet. Die Erlebnisse vor einigen Jahren bei seinem ersten richtigen Einsatz haben ihn letztendlich beflügelt gehabt, härter an sich zu arbeiten. Er wollte nicht noch einmal zögern oder zweifeln. Seitdem trainierte er wortwörtlich Tag und Nacht, baute seine Fähigkeiten aus und steckte sich immer wieder neue Ziele. Lernte er einen Rekruten kennen, der in einer Sache besonders talentiert war, nahm er sich diesen zum Vorbild und übte. Er übte und übte und übte, bis er schließlich besser war. Seine Ausbilder waren zufrieden, ja einer der Trockenhäute von der Bruderschaft sagte sogar etwas von "Einer der besten seines Jahrgangs."

Einer der Besten. Die Formulierung störte ihn. Er wusste, dass es kaum, noch jemanden gab, der ihm das Wasser reichen konnte. Niemanden. Außer einer.

"Lasst mich mal da ran!"

Der Saxhleel wandte den Blick zu der Stimme um. Eine schlanke Argonierin mit einer prachtvollen Federzier auf dem Kopf und strahlenden azurblauen Augen betrat den matschigen Ring. Neeseera war ihr Name. Sie war es, die dem jungen Saxhleel seine Grenzen aufzeigen konnte.

"Dich schaffe ich doch locker. Trampelst wie ein Kagouti", sprach sie heiter drein. Der jugendliche Saxhleel knirschte mit den scharfen Zähnen. Er hasste es, dass sie so mit ihm sprach. Und das lag weniger an den Worten als an ihrer fröhlichen Art. Ständig schlug sie ihn in allen Wettkämpfen und lachte dann darüber, als wäre das alles nichts. Tatsächlich, obwohl sie unter all den auszubildenden Schattenschuppen etwas eigenbrötlerisch war und den Kontakt zu anderen Argoniern häufig mied, suchte sie immer wieder die Nähe zu ihm. Sicher, um sich lustig zu machen, dachte er.

Wie er selber kämpfte Neeseera mit zwei argonischen Einhandschwertern. Er hatte es sich heimlich von ihr abgeschaut. Und wie immer übte er ohne Unterlass, bis er jeden damit schlug. Außer Neeseera. Der jugendliche Saxhleel ließ seine Klingen kreisen und ging in Kampfstellung. Neeseera tat es ihm gleich und schon umkreisten sich beide leichtfüßig. Die Zuschauer rundherum tauschten Blicken und tuschelten. Es kamen sogar noch mehr dazu, ja sogar zwei Ausbilder ließen sich blicken und beobachteten das Ganze aus dem Hintergrund.

"Man hört deine Schritte", lachte Neeseera ihm entgegen. Der jugendliche Saxhleel hob erzürnt die Lefzen an. Sie konnte ihn gar nicht gehört haben! Niemand hörte ihn! Er war einer der Leisesten und Leichtfüßigsten. Neeseera lachte erneut, als hätte sie seine Gedanken ganz richtig erraten. Wie lauernde Raubkatzen umkreisten sie sich noch einige Atemzüge lang, als es dann los ging. Klingen trafen auf Klingen. Beide versuchten sie dem anderen durch gezielte Angriffe beizukommen. Die eine Klinge schlug zu, die andere wehrte ab. Ein Sprung zur Seite, nach vorne, wieder Klinge auf Klinge. Immer wieder. Ein Raunen ging durch die Menge. Die Bewegungen der beiden waren nicht nur von einer Eleganz und Geschmeidigkeit geprägt sondern auch von einer erstaunlichen Geschwindigkeit.

Nach einigen heftigen Schlägen sprangen beide zurück, um Abstand zu gewinnen. "Wirst du schon müde?", lachte sie ihm wieder entgegen. "Ich bin niemals müde", blaffte er zurück. Er wagte, durch die Wut getrieben, einen Ausfall nach vorne. Neeseera schwang ihre Klingen auf Brusthöhe von links und rechts, dass sie wie eine Schere sich überkreuzten. Der jugendliche Saxhleel wich aus, indem er seinen Rücken durch bog und den Oberkörper nach hinten verlagerte. Das war ein Fehler. Neeseera hob blitzschnell ihren Fuß und verpasste ihm einen Tritt in den Bauch. Er taumelte zurück, konnte aber mit einem kräftigen Aufstampfen sich davor bewahren, hinzufallen. Es nützte nichts. Mit einem weiteren Vorschnellen eines Fußes hakte sich Neeseera hinter seinem eigenen Fuß ein und zog gnadenlos. Mit einem Platschen stürzte er auf dem Rücken in den Matsch. Die Menge tobte. Neeseera lachte und blickte von oben herab auf ihn herunter.

"Mal wieder gewonnen. Was bist du nur für ein ungeschickter Kagouti mit deinen Füßen. "Trampelnder-Kagouti", so sollst du ab heute heißen." Sie lachte fröhlich. Der jugendliche Saxhleel blieb ruhig und erwiderte nichts. Er knirschte nicht mal mit den Zähnen. Was war hier nur los? Er fühlte Wut in seinem Bauch. Wut auf Neeseera. Aber kam die Wut wirklich da her? Oder was war das? Ihm wurde seltsam im Bauch, wie er sie betrachtete, ihre Federn musterte, ihre Hand, als sie ihm aufhalf, ihre Augen, die ihn fröhlich anlachten und ihren Gang, als sie sich lachend abwandte, um den Ring zu verlassen und sich von den Zuschauern feiern zu lassen.

Er schüttelte den Kopf und verließ den Ring, schlängelte sich durch die Menge und wollte erst mal weg. Bald hab ich dich, Neeseera, bald hab ich dich...

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Dienstag, 24. April 2018, 12:18

Noch viel zu lernen




Es war Nacht, so schien es, als durch einen Spalt oben an der Decke eine Säule von Mondlicht auf den Boden der Ayleiden-Ruine strahlte. Die junge Neeseera und ihr gleichaltriger Gefährte, den sie "Trampelnder-Kagouti" nannte, tasteten sich mit lautlosen Schritten an dem Mauerwerk der Ruine voran und schritten so durch einen engen Gang der uralten Festung der Wildelfen. Bis auf einen heulenden Wind in der Ferne war nichts zu hören. Es war totenstill. Neeseera hob eine Hand, sie ging vor, und bedeutete so ihrem Gefährten, anzuhalten. Sie deutete auf eine Druckplatte am Boden, die sich, wenn man genau hinsah, von den übrigen Platten abhob. Der Argonier nickte. Eine Falle.

Sie waren schon eine ganze Weile in der Ruine, auf der Suche nach einer Räuber- und Piratenbande, die sich in dieser Ayleiden-Ruine einen Unterschlupf gesucht hatte. Die Bande war ein bunter Haufen Gesetzloser aus ganz Tamriel. Ihr Anführer war ein Argonier namens Jereen. Für ihn wurde das Schwarze Sakrament vollzogen. Er war dem Schreckensvater versprochen worden und Neeseera und ihr Gefährte sollten den Kontrakt erfüllen.

Die Argonierin sprang über die Bodenplatte und winkte "Trampenlder-Kagouti" zu sich. Mit einem kleinen Satz war er bei ihr. Sie sahen sich einen Moment in die Augen, ehe sie beide sich schließlich weiter voran pirschten. Mittlerweile war der junge Argonier gerne in Neeseeras Gesellschaft, auch wenn ihn manche Verhaltensweisen immer noch zur Weißglut brachen, wenn sie ihn etwa mal wieder in einem Zweikampf schlug, oder ihn vor allen Leuten "Trampelnder-Kagouti" - oder noch schlimmer: "Trampelchen" - nannte. Sie lachte dann auf ihre Art fröhlich und heiter, sodass er ihr eigenartiger Weise nicht mehr böse sein konnte. Er spürte immer mehr und mehr das Bedürfnis, bei ihr sein zu können. Um so mehr hatte es ihn schließlich gefreut zu hören, was ihre Ausbilder mit ihnen vorhatten: Man beschloss, sie als Duo arbeiten und üben zu lassen, da sie beide nicht nur zu den Besten zählten, sondern auch miteinander "harmonieren" würden. Und so waren sie nun hier, in einer Ayleiden-Ruinen, und suchten den Kopf einer Räuberbande. Eine Kleinigkeit für sie, so dachte der Argonier.

Plötzlich hörten sie weiter den Gang runter Gelächter. Die zwei jungen Argonier verharrten für einen Moment. Gefunden. Endlich. Nun schlichen sie gebeugt weiter. Sie zogen ihre langen, schmalen und leicht gebogenen Klingen. Am Ende des Ganges konnten sie nun ein flackerndes Licht erkennen. Wieder ein Lachen. Klappern von Geschirr und Metall. Leise Gespräche.

Vorsichtig schlichen die zwei Argonier weiter und sie sahen schließlich, dass der Gang in einer Art Balustrade mündete. Direkt vor ihnen war ein Geländer, welches nach rechts zu einer Treppe nach unten führte. Auf der unteren Ebene lagerten die Räuber um ein Feuer. Drei schliefen und zwei weitere saßen um das Feuer, um sich - womöglich aus Verzweiflung, denn aus Genuss - sich eine paar Ratten zu braten. Es waren nur Menschen und Dunmer. Mehr waren nicht zu sehen. Auch Jereen nicht.

"Aaach, schon wieder Ratten. Kann die Viecher nicht mehr sehen..."
"Beschwer dich nicht, Mann! Früher hatten wir viel weniger. Mussten Insekten fressen, weißte noch?"
"Aye, aber als ich noch bei der Riftener Wache war, ging's mir trotzdem besser."
"Früher war ich auch ein Wachmann, aber dann hab ich diesen verfluchten Pfeil ins Knie bekommen..."
"Nicht schon wieder die Geschichte, hör mal..."

Die Argonier ignorierten das Gespräch. Sie legten ihren Klingen vorsichtig im Schutze des Schattens, in dem sie standen, beiseite und griffen zu ihren Bögen. Sie legten jeweils einen Pfeil an und sahen sich einen Moment erneut in die Augen. Sie nickten. Dann hoben sie beide sachte ihren Oberkörper an, spannten die Sehnen und schossen. Die zwei am Feuer gurgelten kurz und rissen erschrocken die Augen auf, als ihnen die Pfeile in die Kehle schossen. Dann fielen sie um. Einer der Schlafenden erwachte und sah verwirrt um sich. Und wieder fand ein Pfeil seinen Weg in eine Kehle. Die zwei restlichen Schläfer schienen noch in ihren Träumen zu weilen.

Neeseera und Trampenlder-Kagouti nahmen wieder ihre Klingen auf und hechteten lautlos die Treppe hinunter. Sie schlichen zu den Schlafenden, sahen sich an, nickten und setzten dann jeweils einen Fuß auf die Kerle und eine Klinge an die Kehle. Erschrocken erwachten sie, versuchten sich zu wehren, doch sahen sie trotz ihrer Schlaftrunkenheit rasch ein, dass sie sich besser nicht wehren sollten.

"Ich lasse dir ein paar Sekunden zum antworten, Weichhaut. Wo ist Jereen?, sprach Trampelnder-Kagouti mit leiser, aber doch eindringlicher Stimme.
"Ich weiß es nicht, Mann! Er ist mit den anderen im Dschungel unterwegs!" Der Argonier presste die Klinge noch fester an die Kehle. "Ich schwör's! Ich schwör's! Wir sind die einzigen hier"
"Wo sind sie im Dschungel?"
"Keine Ahnung! Wollten sich mit irgendwem heute Nacht treffen!"
"Ahhhh!", tönte ein Schrei aus Neeseeras Richtung. Ihr Gefangener hatte einen Dolch gezückt und versucht, sie damit an ihrer Seite zu erwischen. In einer einzigen Bewegung wisch die Argonierin dem Dolch aus und schlitzte dem Kerl die Kehle durch.

Trampelnder-Kagouti sah wieder zu seinem Gefangenen runter. "Willst du dieses Schicksal teilen?"
"N-nein! Aber ich weiß nicht mehr, ich sag's dir doch!" Der Räuber schluckte. Für einen Moment war Trampelnder-Kagouti so, als drehte der Kerl die Augen zu Seite, um nach etwas zu sehen, weiter in den Raum rein. Der Argonier folgte dem Blick. "Trampelchen, vorsicht!", rief Neeseera. Im Schatten des Raumes hatte sich eine Frau verborgen und zielte mit Pfeil und Bogen auf den Argonier. Neeseera war mit einigen Sprüngen bei der Schützin. Diese drehte sich zu der Argonierin und ließ panisch und ungezielt die Sehne los. Der Pfeil flog in die Dunkelheit und die Frau rannte los, auf einen weiteren schmalen Gang zu.

"Nicht da lang!", rief der Kerl unter Trampelchen. Es nützte nichts, die Frau lief weiter, Neeseera hielt bei dem Gang an. Es klickte. Dann zuckten magische Blitze im Gang herum, trafen die Frau, welche zusammenbrach und zuckend am Boden liegen blieb. "Weg, wir müssen weg!", schrie der Kerl panisch. Trampelnder-Kagouti lies ihn zunächst frei, dann sah er, warum der Kerl schrie: Die Blitze lösten scheinbar eine Kettenreaktion aus und breiteten sich auch in dem Raum, in dem sie waren, aus. "Neeseera, wir müssen raus!".

Er brauchte sie nicht zu warnen. Sie lief bereits los, auf sie zu und winkte sie hinter sich her. Alle drei rannten zur Treppe, es blitzte und zischte hinter ihnen. Als sie die Treppe erklommen hatten und wieder auf der Balustrade standen, hörten sie den Räuber schreien. Sie brauchten sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass er tot war. "Schnell!", rief Trampelchen und ergriff instinktiv Neeseeras Hand.

So flohen sie zusammen so schnell sie konnten durch den Gang. Sie sprangen über die Druckplatte im Boden, hörten allerdings hinter sich das scharrende Geräusch von Stein auf Stein, als die Blitze, die immer noch durch die Ruinen zuckten, die Druckplatte scheinbar aktivierten. Die ganze Ruine ging in Bewegung und es rumpelte und regnete Kieselsteine von der Decke. Endlich kamen sie aus dem Gang heraus. Vor ihnen war eine Brücke mit einem gähnenden Abgrund darunter. Hinter der Brücke war eine Treppe, welche hinauf zum Ein- und Ausgang der Ruine führte. Sie rannten auf die Brücken, hielten dann jedoch an, als sich von oben ein dicker Stein aus der Decke löste und auf die Brücke krachte. Der Brocken nahm ein ganzes Stück von der Brücke mit sich in die Tiefe.

"Na toll", zischte Trampel. Die Brücke unter ihnen knirschte verdächtig.
"Los, Trampelchen, mach schon, spring!"
"Nein, du zuerst, ich..."
"Mach!"

Er zischte etwas. Nickte dann jedoch und nahm Anlauf und sprang. Zielsicher landete er, mit den Knien abgefedert, auf der anderen Seite der kaputten Brücke. Neeseera nahm dann schließlich ebenfalls Anlauf. Als sie an der Bruchkante angelangt war, brach unter ihren Füßen der Rest der Brücke weg. Sie konnte sich jedoch noch mit den Füßen abdrücken und flog so ein Stück durch die Luft. Allerdings viel zu niedrig. Sie spürte bereits den Wind des Fallens hob die Hände, um irgendwas zu erreichen, doch vergeblich. Sie schloss die Augen. Da fuhr ein Ruck durch ihren Körper und ihren Armen. Sie hing in der Luft. Trampelnder-Kagouti hatte sie an beiden Handgelenken gepackt und zog sie rauf. Als sie wieder festen Boden unter ihren Füßen hatte, umarmte sie den Argonier innig und dankbar.

"Trampel...", flüsterte sie. "Keine Zeit, raus hier!" Er nahm sie wieder an die Hand und hechtete mit ihr die Treppe hoch. Das Tor war zum Glück noch offen und intakt, während der Rest hinter ihnen weiter zusammenbrach. Dann endlich atmeten sie die frische Luft des Urwalds. Sie schnauften angestrengt, während sich das Rumpeln von drinnen allmählich legte.

"Ich...ich weiß nicht, wieso ich die Frau nicht bemerkt habe...", gab Neesera zu.
"Wir...wir waren zu unvorsichtig. Das war...doch ganz billig. Die war nicht mal gut versteckt. Wir waren wie Anfänger. Und wir sollen die Besten sein?"
"Das ist es, Trampelchen. Sie sagen uns das dauernd und wir werden zu stolz. Den müssen wir noch meistern - unseren Stolz."
"Ja...ja, du hast recht." Er sah Neeseera an. Sie neigte ihr Haupt und kam auf ihn zu, umarmte ihn erneut.
"Danke...Trampelchen....danke..."
Er drückte sie fest an sich. So standen sie noch eine Weile da, zwei angehende Schattenschuppen im Mondlicht.


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5

Sonntag, 29. April 2018, 12:56

Eine kleine Unendlichkeit




Es war Tag. Die Mittagssonne, welche von einem strahlend blauen Himmel schien, wärmte das Land. Der Dschungel der Marschen leuchtete in einem kräftigen Grün, nur unterbrochen von kleineren Pflanzen, die mit rot und blau Akzente zu setzen vermochten. Die Vögel gaben ein enormes Konzert, irgendwo in der Umgebung brüllte ein Alit. Der junge Argonier, der durch das Unterholz am Rande einer Lichtung schlich, achtete nicht all zu sehr darauf. Er fixierte weiter vorne sein Ziel. Eine gleichaltrige Argonierin. Sie saß auf einem niedrigen aber breiten Ast, den Rücken zu ihm gewandt, und ließ ihre Beine fröhlich baumeln. Gleich hab ich sie, dachte der Argonier. Er hatte sich vorgenommen, sie zu erschrecken. Langsam näherte er sich seinem Ziel. Er machte dabei nicht einen Laut. Er wusste genau, wo und wie er seine Füßen auftreten lassen müsste, um seiner "Beute" keine Chance geben zu können, ihn zu hören. Fast. Nur noch wenige Meter. Dann blickte die Argonierin plötzlich über die Schulter und lachte.

"Hab dich gehört, Trampelchen!"

Der Argonier umrundete leise zischend die Argonierin und sah sie an. Wie er selber trug sie heute nicht die übliche dunkle Kluft der Schattenschuppen. Stattdessen steckte die junge Saxhleel in einer traditionellen argonischen Kleidung, die in ihrer "Luftigkeit" recht großzügig war und die gerade mal die nötigsten Stellen der Argonierin verbarg. Der Argonier schluckte, als er unauffällig sein Gegenüber von oben bis unten musterte.

"Xhuth! Das ist unmöglich. Du kannst mich gar nicht gehört haben, Neeseera", erwiderte er nun.
Lachend sprang Neeseera von dem Ast und näherte sich Trampelchen: "Xhu, deine Füße sind so leise wie dein Schatten, aber", sie hob eine Hand und legte sie auf seine Brust, die nur mit einer schmalen Schärpe quer über die Schulter bedeckt war, ab, "Dein Herz ist laut wie eine Trommel. Ich würde es selbst am anderen Ende der Welt noch schlagen hören." Trampelchen schluckte schwer und sah auf die Hand an seinem Herzen. Neeseera behielt sie dort noch einen Atemzug, ehe sie die Hand lachend wieder wegzog. "Bald sind wir beide volljährig, Trampelchen. Trinken noch einmal vom Saft und kriegen unsere Namen."
"Hoffentlich nicht 'Trampelchen'"
Neeseera lachte: "Nein...so leise, wie du nun bist sicher nicht." Sie sah ihm in die Augen. "Wirst du nach Zishmir gehen und die Prüfungen ablegen?"
Er nickte: "Ich will sie ablegen. Ich will mir das Recht zum Paaren erkämpfen."
Neeseera hob beide Lefzen an und umrundete ihn: "Hast du schon jemanden dafür im Sinn?" Sie ging schließlich an ihm vorbei aus den Schatten der Baumkronen vorbei, um sich von der Sonne anstrahlen zu lassen.
"Habe ich."
Sie wandte sich lachend um: "Und wieder ist dein Herz laut wie tausend Trommeln."
"Ich..." Er machte ein paar Schritte auf sie zu. Sie machte lachend einen Satz zurück.
"Ich weiß schon, Trampelchen. Und ich will auch für dich kämpfen."

Trampelchen öffnete das Maul und atmete tief durch. In seinem Bauch kribbelte es wie nie zuvor. Er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Er blickte einfach nur die schöne Gestalt Neeseeras an, beobachtete jede ihrer Bewegungen und schluckte erneut.

"Eigentlich ist es eine seltsame Tradition, nicht wahr?", begann sie.
"Was meinst du?"
"Na, so...unpersönlich um ein Recht zu kämpfen. Es sollte viel...konkreter sein, findest du nicht?"
"Ich...weiß nicht ganz, was du meinst."
"Na, eine Prüfung, die ich dir stelle und die du bestehen musst." Sie lachte fröhlich.
Er blickte Neeseera unsicher an, dann hob jedoch auch er eine Lefze an. "Gut und was wäre das?"
Neeseera sah sich nachdenklich um, dann deutete sie gen Süden. "Ein Rennen. Durch den Dschungel und zum Meer. Wenn du vor mir das Meer erreichst, hast du die Prüfung bestanden."
Trampelchen lachte kurz und nickt: "Na gut. Dann werde ich mich vorbereiten und..."
"Nein. Jetzt!", schnitt sie ihm das Wort ab.
"Jetzt? Aber wir müssen bald zum Training."
"'Bald zum Training'. Du klingst wie eine Trockenhaut. Wir haben hier und jetzt. Und jetzt will ich das Rennen, Trampelchen. Wir haben genug...Zeit. 'Alles ist ein Moment', weißt du noch? Unendlichkeit. Gönnen wir uns ein bisschen Unendlichkeit." Sie senkte den Blick etwas, sah ihn von unten an und ging ein paar Schritte zurück.

"Na gut. Dann jetzt." Neeseera klatsche fröhlich in die Hände. Sie lachte und wandte sich um und lief locker los. "Hey, das ist ungerecht!", protestierte Trampelchen über diesen Vorsprung. Als Antwort bekam er erneut nur ein Lachen. Sie lief weiter, die Wiese zum anderen Ende der Lichtung, um dort zwischen den Bäumen zu verschwinden. Trampelchen folgte ihr und sah zu, zu ihr aufzuschließen. Im Urwald huschten beide Argonier rasch durch das dichte Unterholz. Hier und da mussten sogar Äste übersprungen oder erklommen werden. Trampelchen sah immer wieder rüber zu Neeseera, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Eine elegante Gestalt, leicht bekleidet, mit einem prächtigen Federwerk.

Allmählich wurde der Boden matschiger und feuchter. Tümpel wurden immer häufiger, der Dschungel dafür immer lichter und lichter. Der salzige Geruch des Meeres zog bereits zwischen den Bäumen hindurch. Dann verließen beide Saxhleel den Urwald und kamen auf eine weite Fläche. Das Meer schwappte hier so sehr über den schlackigen Boden, dass sich Tümpel mit Sandbänken abwechselten. "Bis man nicht mehr stehen kann!", rief Neeseera und deutete nach vorne, wo das blaue Meer durch die Sonne glänzte, als hätten jemand dort tausende von Edelsteinen im Wasser versteckt. "Kriegst mich nicht!", lachte Neeseera und zog das Tempo an.

Trampelchen folgte und strengte sich an, mitzuhalten. Er spürte den Sand unter den Füßen, das sonnengewärmte Wasser, der Geruch des Meeres. Er sah zum Horizont, der unendlich da vorne auf sie beide wartete. Schönheit war hier. Eine Schönheit, die kaum eine Trockenhaut je zu Gesicht bekam. Für sie waren die Marschen nur ein dunkles, sumpfiges Land. Aber er wusste, dass das nicht stimmte. Hier war ihr Heim. Hier war die Saxhleel, die ihm am wichtigsten war. Und er wollte ihre Prüfung bestehen. Um jeden erdenklichen Preis. Und niemand anderes sonst. Niemand.

Gleich.
Er rannte. Die Sonne wärmte seine Schnauze.
Bald hab ich es.
Wassertropfen von ihm und ihr flogen gegen sein Bein. Sie lachte.
Hab dich. Dich? Nicht das Meer.
Er rannte nicht mehr zu dem Ufer. Er war nun genau hinter ihr.
Hab dich gleich. Dich.
Die Sonne strahlte. Sie lachten beide. Er kam näher.
Die Möwen flogen über sie und kreischten. Er konnte sie fast packen.
Eine kleine Unendlichkeit für uns.

Sie waren am Ufer. Trampelchen sprang und umgriff mit beiden Armen Neeseera. Sie platschten lachend in das seichte Wasser. In seinen Armen wandte sie sich ihm zu. Das Meer umspülte die zwei Saxhleel sanft. Ein Gruß von dem Horizont, wie es schien. Eine Andeutung von der kleinen Unendlichkeit, welche die zwei in den nächsten Minuten zusammen genießen sollten.


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6

Montag, 21. Mai 2018, 14:41

Was Freiheit bedeutet
Es war Tag. Die Sonne schien, musste sich jedoch durch einige Wolken durchsetzen. Eine kleine Gruppe von vier Argoniern rastete zur frühen Nachmittagszeit unter einigen der uralten Bäume der Marschen. Man hatte sich ein relativ trockenes und ebenes Plätzchen gesucht, um eine kurze Mahlzeit einzunehmen. Die Saxhleel marschierten schon seit einigen Tagen. Sie alle waren Schattenschuppen und ihr Ziel war eine bestimmte Stelle an einem alten Trampelpfad durch den Morast. Man wollte einer Gruppe von Räubern, von denen man wusste, dass sie hier eine kleine Karawane überfallen wollen würden, auflauern. "Um einen Räuber als Beute zu bekommen, lauere ihm beim Überfallen seiner eigenen Beute auf." Das zumindest war der Leitsatz, unter dem die vier Schattenschuppen agierten. Aber bis zu dem geplanten Ort des Hinterhalts hatten sie noch eine weite Strecke zurück zu legen.
Der noch junge, aber nun erwachsene Argonier, der mit seiner Volljährigkeit den Namen "Raaktaz" erhielt, kaute an einem Stück Dörrfleisch herum. Ihm passte die Pause nicht, er wäre lieber weiter marschiert. Die Räuberbande, die sie eliminieren sollten, ging ihnen schon seit ein paar Jahren durch die Lappen. Auch der Kopf der Bande, der Argonier namens Jereen, schien nicht zu fassen zu sein. Raaktaz kam das wie eine Schmach vor, zumal er wusste, dass der Schreckensvater sicherlich ungeduldig werden würde. Ja, sie alle fürchteten den Zorn Sithis', sollten sie nicht bald Erfolg haben.
In diese schweren Gedanken sprang regelrecht Neeseera, die nun "Sing-im-Wald" genannt wurde, herein. Sie landete lachend vor Raaktaz und blickte ihn verschmitzt an. Der Saxhleel zuckte zurück und sah kurz hinauf, konnte er sich gerade keinen Reim darauf machen, woher Neeseera so plötzlich kam. Die anderen beiden Schattenschuppen sahen zu Raaktaz und Neeseera, tauschten dann einen kurzen Blick miteinander und aßen dann wieder still vor sich hin an ihrem Dörrfleisch.
"Anstatt wie ein Schlüpfling herum zu tollen, solltest du auch etwas essen, Singt."
"Und in solcher schlechten Laune wie du verfallen? Oder die anderen beiden? Nein, wenn hier schon keiner Fröhlichkeit zeigt, dann wenigstens ich."
"Wir haben einen Kontrakt zu erfüllen, vergiss das nicht."
"Oh nein, niemals. Wie könnte ich auch?"
Singt-im-Wald lachte, diesmal etwas leiser, und ließ sich neben Raaktaz auf einem Baumstumpf nieder. Eine Weile saßen alle vier still im Urwald der Schwarzmarschen und lauschten der Geräuschkulisse der Wildnis. Neeseera sah eine Weile gen Himmel. Die Baumkronen ließen wie bei einem Fenster hier und da einen kleinen Blick hindurch in das unendliche Blau, nur von einigen Wolken hier und da unterbrochen. Plötzlich ertönte ein Ruf am Himmel. Ein Raubvogel sauste durch das Blickfeld der kleinen "Fenster" vorbei und zog immer wieder seine Kreise. Der helle Ruf des Tieres ließ alle vier zum Himmel blicken.
"Ich wünschte", begann Neeseera, "Ich wünschte, ich könnte ein Vogel sein."
Raaktaz senkte den Blick und betrachtete die Argonierin, welche den Raubvogel am Himmel mit ihren Augen zu fangen schien. "Warum das?"
"Weil sie frei sind."
"Das sind wir auch."
"Nicht so richtig." Sie erwiderte nun Raaktaz' Blick. Die anderen beiden Argonier lenkten ihre Aufmerksamkeit von dem Vogel am Himmel ebenfalls zu Neeseera.
"Du solltest so etwas nicht sagen, Singt."
"Nicht? Aber es ist wahr. Nie ist man ganz frei. Gerade unser Volk nicht. Gerade wir nicht. Aber ein Vogel", sie sah wieder hinauf, "ist es allemal. Er breitet seine Flügel aus und fliegt los. Er kann hin, wohin er möchte. Er kann das ganze Land unter sich sehen. Er kann Strecken zurücklegen, von denen wir nur träumen können." Wieder legte sich ihr Blick auf Raaktaz. Neeseera berührte ihn sanft an seinen Oberarm. Noch immer freundlich, doch ungewohnt ernst sprach sie: "Manchmal fragt man sich, was nach dem Tode kommt. Ob man wirklich zum Hist zurückkehrt. Ob gerade wir bei Sithis in der Leere hausen, oder ob etwas anderes geschieht. Aber wenn ich sterbe, Trampelchen, sorgst du dann dafür, dass mein Leib keinen Dumpf Schlaf im Erdreich fristet? Lass mich...fliegen...irgendwie, im Tode mehr von der Welt sehen, als im Leben. Das, was eben wirkliche Freiheit bedeutet. Tust du das für mich?" Sie sah in fast schon flehentlich an.
"Rede nicht vom Sterben..."
"Tust du es für mich?"
"Und wie soll ich das überhaupt anstellen?"
"Trampelchen..."
Raaktaz atmete tief durch. Er sah Singt-im-Wald eine Weile still an. Dann nickte er und nahm sie kurz in seine Arme. "Das werde ich." Sie drückte sich für den Moment feste an ihn. Ihr war es egal, dass die anderen beiden Schattenschuppen zusahen. Dann löste sie sich von ihm, stupste Raaktaz mit ihrer Schnauze auf seine und sah wieder hinauf zum Himmel. Die anderen drei folgten ihrem Blick und betrachteten noch eine ganze Weile den Raubvogel am Himmel, bis dieser eine andere Richtung einschlug und gen Westen segelte.

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7

Mittwoch, 6. Juni 2018, 15:57

Der Kontrakt I

Es war Abend. Der Himmel war zugezogen und die dicken Quellwolken sorgten dafür, dass das von der Mittagssonne aufgeheizte Land nun unter einer hohen Luftfeuchtigkeit schier erdrückt wurde. Raaktaz, der hoch in den Kronen eines Baumes lauerte, störte sich nicht daran. Doch er wusste, dass jene Gruppe von Dunmer, die als Karawane durch die Marschen wanderte, unter der drückenden Schwüle leiden würden. Viele Trockenhäute, die selber aus heißen Gegenden stammten, unterschätzten die hohe Luftfeuchtigkeit der Schwarzmarschen. Das war ein Vorteil, denn so konnten Raaktaz und seine drei Gefährten ungefähr abschätzen, wann und somit auch wo die Trockenhäute Rast machen würden. Und wenn sie es wussten, wussten es auch die Räuber und ihr Anführer Jereen - ihr eigentliches Ziel.
Die vier Schattenschuppen lauerten in den Bäumen und Büschen um einer kleinen Lichtung herum, der einzigen geeigneten Raststätte im Umkreis von etlichen Meilen. Sie wollten warten, bis die Karawane von Dunmer-Sklavenjägern hier vorbeikäme. Wenn sie kämen, so hofften sie, würden sich die Räuber Jereens zeigen und die Karawane überfallen. Verrückt, dachte Raaktaz. Normalerweise waren es die Schattenschuppen, welche die Sklavenjäger im Rahmen eines Kontrakts zu Strecke brachten. Heute dienten sie als Köder für eine Bande, die im Grunde nichts anderes als sie selber taten. Zumal, so die Informationen, die Bande Jereens nach und nach alle Trockenhäute verbannte und nur noch aus Saxhleel zu bestehen schien. Sie schienen aus Sicht des argonischen Volkes nichts Falsches zu tun. Doch der Kontrakt wurde besiegelt und einmal besiegelt, musste er ausgeführt werden.
Raaktaz überprüfte die Sehne seines Bogens. Auch wenn ihm selber die Feuchtigkeit nichts ausmachte, so galt dies natürlich nicht unbedingt für seine Bewaffnung. Die Sehne war allerdings noch in Ordnung. Die Pfeile ebenso. Auch die Klingen waren geölt und griffbereit. Der Argonier wartete. Es verging viel Zeit und es geschah nichts. Die Sonne senkte sich über den Urwald der Marschen und es wurde immer dunkler und dunkler. Raaktaz blickte auf die andere Seite der Lichtung zu einem scheinbar undurchdringlichem Dickicht. Er wusste, dass irgendwo dort Sing-im-Wald Posten bezogen hatte. Er hatte ein ungutes Gefühl. Er wusste nicht genau, wieso, aber es war da. Ein Gefühl, dass etwas nicht stimmte, nicht richtig sei. Ein Detail, das nicht hingehörte, er aber nicht erkennen konnte, weil er nicht wusste, was dieses Detail war.
Er schüttelt sachte den Kopf und blickte nach rechts gen Osten. Von dem alten Trampelpfad her hörte er Geräusche. Ein Rappeln eines Wagens. Dann noch einer. Dann Schritte. Schwere Schritte eines Guars und dann, als er die Quelle der Geräusche sah, auch die leiseren Schritte der Dunmer. Sie waren da, bereits mit Fackeln ausgerüstet, da die Dämmerung kaum genügend Licht spendete. Es ging los.
Raaktaz legte einen Pfeil ein und behielt nun die Umgebung im Auge. Er sah immer wieder zu der sich nähernden Karawane, ließ jedoch den Blick suchend durch die Umgebung schweifen. Auch die Ohrlöcher strengte er an. Nichts sollte ihm an Auffälligkeiten entgehen. Die Spitze der Karawane kam näher, war fast da. Er hörte ein Rascheln weiter unter sich. Ein Äffchen. Weiter hinten ein tiefes Summen. Eine der großen Wespe. Das Rappeln der Karawane wurde mehr zu einem schweren Rumpeln über den unebenen und teils matschigen Pfad. Ein Rascheln von der gegenüberliegenden Seite im Dickicht.
Ein Rascheln? Raaktaz blinzelte mit den Nickhäuten. Niemals würde Sing-im-Wald Geräusche machen. Niemals.
Dann setzte Geschrei ein. Brüllende, leicht bewaffnete Argonier schossen plötzlich aus verschiedensten Richtungen aus dem Gestrüpp auf die Lichtung und der Straße und rannte mit erhobenen Waffen auf die Dunmer zu. Diese brüllten weniger als dass sie an ihre Kameraden Warnrufe richteten, um sich zu schützen und zu verteidigen. Es geht los.
Raaktaz betrachtete nun die angreifenden Saxhleel. Ihm kam die Ehre zu, nach Jereen Ausschau zu halten und wenn möglich, ihm ein Ende zu setzen. Er wusste, wie er aussehen sollte. Ein dunkler Argonier mit zwei mächtigen Hörner links und rechts auf dem Reptilienschädel und gelben Augen. Doch noch sah er keinen solchen Argonier. Stattdessen bot sich ihm nun das Bild einer kleinen Schlacht. Die Argonier und Dunmer gerieten in Zweikämpfe. Zunächst schienen die Dunkelelfe besser organisiert und diszipliniert zu sein. Doch die schwüle Hitze, die einsetzende Dunkelheit, der matschige Untergrund und auch der Überraschungseffekt, der noch anhielt, ließen sie zusehends in Panik verfallen. Wenngleich auch einige Argonier nach und nach den Boden zierten, so lagen schon nach einigen Minuten des Kampfes hauptsächlich Dunkelelfe im ewigen Matsch.
Schließlich standen nur noch wenige Dunmer mit erhobenen Waffen da, um ihr Leben zu verteidigen. Bald wäre also der Zeitpunkt, die "Reste" der Argonierbande zur Strecke zu bringen, wenn die Dunmer besiegt wären. Raaktaz hielt nun intensiver nach dem gesuchten Argonier Ausschau. Er bemerkte etwas aus dem Augenwinkel. Dort im Dickicht, wo Sing-im-Wald lauern sollte, tat sich etwas. Aus dem durch die Dämmerung fast schwarz scheinendem Gebüsch trat eine Gestalt heraus. Zu groß, um Singt-im-Wald zu sein. Viel zu groß. Und die Gestalt hatte Hörner. Zwei an der Zahl, links und rechts. Raaktaz verengte die Augen. Neeseera!, dachte er nun panisch.
Dennoch hob er den Bogen, spannte ihn und zielte auf Jereen. Er weitete seine Augen, als der Bandenanführer nun zu ihm hoch sah, direkt auf die Baumkrone, in der Raaktaz saß. Er weiß es, er weiß, dass ich hier bin, dass wir hier sind! Etwas knackte hinter ihm. Verwirrt wollte sich Raaktaz geschwind umdrehen, als dann schon etwas auf seinen Schädel knallte. Er wusste nicht, was es war, oder gar wer. Der Schmerz donnerte nur für den Bruchteil einer Sekunde durch seinen Kopf, dann wurde ihm übel und schließlich schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein...

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Meavy« (7. Juni 2018, 22:48)


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8

Sonntag, 1. Juli 2018, 11:14

Der Kontrakt II

Es war bereits am Morgen, als Raaktaz mit einem brummenden Schädel erwachte. Die frühen Sonnenstrahlen fielen ihm auf die Schnauze, während er für den Moment orientierungslos um sich blickte. Er wusste nicht wo er war, was geschehen war und warum er wie ein nasses Hemd über einem Baumstamm hoch in den Kronen eines Baumes hing. Dann fiel ihm alles wieder ein. Der Kontrakt. Jereen. Jereen, der dort stand, wo Neeseera - Singt-im-Wald - sein sollte. Neeseera, dachte Raaktaz panisch, sie ist in Gefahr.
Er kraxelte an dem Ast herum und kletterte mit großen Schmerzen am ganzen Leib den Baum herunter. Die Morgensonne offenbarte ihm unten an dem alten Trampelpfad die Überreste der nächtlichen Schlacht. Überall lagen tote Dunmer und Argonier auf dem blutigen Morast verteilt herum. Auch seine beiden Gefährten von den Schattenschuppen fanden sich unter den Toten. Raaktaz atmete tief durch und hechtete schließlich eilig zu dem Busch, in dem Neeseera letzte Nacht hätte lauern sollen. Er fand jedoch nichts. Kein Anzeichen dafür, dass sie oder Jereen hier gewesen wären. Raaktaz fluchte leise und ging, nach einigen Minuten des Suchens schließlich zu dem Schlachtfeld zurück. "Raak...", hörte er ein Röcheln. Es war einer seiner Gefährten, der scheinbar noch mit dem Tode rang. Zwei Pfeile steckten in der Brust des Saxhleel. Er hob den Kopf an und sah zu Raaktaz.
"Raak...komm her...", röchelte der Argonier weiter. Raaktaz kam näher und kniete sich hin.
"Ganz ruhig, Tsutuun, das kriegen wir hin, ich werde..."
"Matschiger...Unsinn." Tsutuun schüttelte den Kopf. "Kann...die Kälte schon spüren...bin fast bei Sithis. Aber..." Er hustete einmal und spuckte Blut. "Aber...Singt...im-Wald...finde sie, Raak, finde sie!"
"Ganz ruhig. Ich werde sie finden. Ich muss nur wissen, wohin die sie verschleppt haben und dann..."
"Da lang..." Tsutuun deutete gen Westen. "Zur untergehenden...Jereen und sie. Finde...sie. Sie ist...Raak, sie ist..." Tsutuun bekam den Rest nicht mehr heraus. Er hustete erneut, röchelte und schnappte nach Luft. Dann wurde sein Blick leer. Er war bei Sithis.
Raaktaz drückte seinen Gefährten und betete zu Sithis. Er wandte sich danach auch seinem anderen Gefährten zu und erwies ihm die letzte Ehre. Anschließend hastete er los, sammelte seine Schwerter, die er in der Nacht anscheinend verloren hatte, ein und ging an den Westrand der Lichtung. Tatsächlich konnte er Spuren ausmachen. Spuren zweier Argonier. Raaktaz blinzelte verwirrt. Warum sollten sie Spuren hinterlassen? Dazu noch so deutlich? Er atmete tief durch. Es wäre besser gewesen, die anderen Schattenschuppen zu alarmieren, sich Unterstützung zu holen. Doch er wollte nicht warten.
Er rannte los. Er rannte, wie er noch nie gerannt war. Er rannte, als ob der Tod selbst hinter ihm her wäre, als wären hinter ihm Sklavenjäger, die kaiserliche Armee, die Ungeheuer aller Reiche des Vergessens und noch Schlimmeres. Er sprang über jedes Hindernis, duckte sich unter Ästen weg und ließ verwirrte Tiere links und rechts neben sich stehen. Immer wieder fand er neue Spuren, als ob ihm Jereen und seine "Beute" ihm bewusst Brotkrumen ausgelegt hätten. Er verstand es nicht. Er verstand sich selber nicht, dass er trotz der Skepsis in eine mögliche Falle rein rennen würde. Aber er musste laufen. Immer weiter, ohne Pause. Er musste Neeseera erreichen, seine Neeseera, koste es, was es wolle. Dabei konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen. Ständig musste er an sie denken, aber auch an die Nacht des Kampfes. Wie Jereen dort stand, wo Neeseera hätte sein sollen.
Stunde um Stunde verging, bis die Spuren Raaktaz zu einer Lichtung brachten. Aus ihrer Mitte ragten die Ruinen einer Xanmeer empor. Ihre Spitze fehlte jedoch, sodass die Ruine nicht einem Berg gleich oben spitz zu lief, sondern bei der Hälfte ein flaches Plateau bildete. Raaktaz hielt an und verschnaufte einen Moment. Dann folgte er den Spuren, die geradewegs zu den Ruinen und einer steinernen Treppe hinauf führten. Sie endeten dort und die Schattenschuppe sah hinauf. Auch wenn er das Gebiet hätte absuchen sollen, so gab es für ihn kein Zweifel, dass Jereen und Neeseera in der Ruine waren. So bestieg er die Treppe hinauf bis zu dem Plateau. Hier oben konnte er erkennen, dass die obere Hälfte der Xanmeer zur anderen Seite scheinbar vor ewigen Zeiten eingestürzt war. Nur noch Reste der Mauer auf dieser Ebene standen. Dafür entdeckte Raaktaz eine Öffnung im Boden und eine weitere Steintreppe, die nach unten führte.
Er zog nun seine Schwerter. Falle hin oder her, er musste einfach dort hinunter. Er stieg die Treppe hinab, rein in den Resten der argonischen Vergangenheit und ins Ungewisse...

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9

Sonntag, 8. Juli 2018, 12:25

Der Kontrak III
Teil 1

Raaktaz konnte es in der Ferne donnern hören, als er durch die engen und dunklen Gänge der Xanmeer schritt. Er warf einen flüchtigen Blick hoch zu einem Spalt im Gemäuer der Decke. Ein einzelner Regentropfen fiel ihm auf die Nase seiner Schnauze. Er atmete tief durch und bewegte sich auf leisen Sohlen weiter durch die uralten Gänge. Seine Hände umklammerten jeweils fest das Heft eines Schwertes. Er spitzte angestrengt all seine Sinne. Er hatte sofort nach dem Betreten der Ruine ein ungutes Gefühl. Er sah niemanden. Nichts. Nicht einmal Ratten. Ebenso wenig konnte der Saxhleel jemanden oder etwas hören. Nur der kalte und gleichzeitig modrige Geruch der Ruine stieg ihm in die Nase. Wie in der Leere, dachte er.
Raaktaz erreichte nach einer Weile eine Treppe, die weiter hinab ins Innere der Xanmeer führte. Er überlegte eine Weile und sah sich in dem Stockwerk, in dem er sich befand, noch ein paar Mal um. Als er keinen weiteren Weg entdecken konnte - zu viel war eingestürzt - entschloss er sich trotz aller Befürchtungen, dass dies eine Falle sein könnte, den Weg hinab zu nehmen. Spendeten einige Spalten im Gemäuer und der Decke zuvor noch ein wenig Licht, so wurde es nun, je weiter Raaktaz hinab stieg, immer finsterer, bis jegliches Licht von außen verschluckt wurde. Am Ende der Treppe konnte er gerade noch so erkennen, dass hinter der letzten Stufe ein weiterer enger Gang den Weg fortführte. So tastete sich der Argonier nun langsam vor, den Rücken an der linken Mauerseite gepresst und das Gehör gespitzt. Seine Füße gaben keinen Laut mehr von sich. Selbst wenn hier etwas auf ihn lauern sollte, so war er selber nun ein unsichtbarer Schatten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit bemerkte Raaktaz, dass sich der Gang nach links weg bog und eine scharfe Kurve beschrieb. Bevor er weiterging, tastete er vorsichtig mit der Schwertspitze an den Wänden, um zu prüfen, ob der Weg eine Kurve machte, oder sich gar gabelte. Tatsächlich war es nur eine Wegbiegung, sodass der Weg nur in eine Richtung weiterführte. Noch immer war nichts zu hören oder zu sehen. Dem Saxhleel wurde unweigerlich beklommen zumute. Er hätte viel darum gegeben, wenigsten das Fiepsen einer Maus zu hören. Er fühlte sich wie in einem dunklen Nichts und hielt an einen Moment an. Ich muss das Nichts sein. Er muss sich hier fürchten, nicht ich. Ich bin es, der den Tod bringen soll, nicht er, rief Raaktaz sich in Erinnerung.

Er atmete tief durch und schritt weiter voran, um die Kurve herum. Da sah er in der Ferne einen leuchtenden Punkt. Vermutlich ein Licht am Ende des Ganges. Langsam und so leise wie er nur konnte bewegte er sich auf das Licht zu. Es wurde allmählich größer und größer und gewann ein Flackern wie von einem Feuer oder einer Fackel. Raaktaz konnte schon bald erkennen, dass der Gang weiter vorne endete und in einem größeren Raum enden musste, aus dem das Licht in den dunklen Gang hinein spähte und dem Argonier mit seinem Flackern zu sich winkte.

Als er endlich kurz vor dem Ende des Gangs angelangt war, hielt er die Luft an. Er lauschte. Doch es war noch immer nichts zu hören. Er betrat den Raum. Rasch erkannte Raak, dass es kein Raum sondern eine große Halle war. Sie wurde von einigen Fackel an den Wänden, welche mit traditionellen argonischen Zierwerken geschmückt war, erleuchtet. Bis auf herabgestürzte Steinbrocken war die Halle völlig leer. Am anderen Ende konnte er eine Öffnung erkennen. Vermutlich ein weiterer Gang. Raaktaz ging instinktiv in eine Kampfhaltung, als erwarte er einen Angriff. Langsam drehte er sich, spähte in jeden Winkel der Halle.

"Trampelchen!"

Es kam von dem anderen Ende der Halle. Raaktaz sah aus dem anderen Gang die schlanke und grazile Gestalt von Neeseera herausschlendern. Sie näherte sich Raaktaz nur langsam und hielt einige Meter vor ihm an. Er konnte erkennen, dass sie unbewaffnet war. Ihr Blick verriet Sorge und er konnte es an ihren Gefühlen spüren, der ewigen Verbindung aller Saxhleel, dass diese Sorge ihm galt.
"Trampelchen, du....du hättest uns nicht folgen sollen", sprach sie mit ruhiger Stimme.

"Uns?"

"Es tut mir so leid."
"Ich verstehe nicht..." Raaktaz wollte auf sie zugehen, doch schon nach dem ersten Schritt merkte er, dass etwas nicht stimmte. Sein Bein wurde schwerfällig, als ob es durch eine zähe Flüssigkeit waten würde. Er sah an sich hinab. Seine Glieder wurde schwach, die Hände zitterten und er ließ seine Klingen los, die klirrend zu Boden fielen. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Er war gefangen, wie ein Insekt in einem unsichtbaren Spinnennetz.
"Neeseera, was ist hier los?", gab er gepresst von sich. Es strengte ihn an zu sprechen, den Kiefer zu bewegen, den Brustkorb zu heben. Das Atmen schmerzte.
"Trampelchen, ich...lass es mich dir erklären. Ich...ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Ich hatte gehofft, du würdest nicht kommen."
"Kaoc! Was wird hier gespielt?"
Neeseera sah betroffen zu Boden. "Es ist so, ich...ich wurde nicht entführt, falls du das glauben solltest. Ich...", sie hob den Blick und sah Raaktaz an, "Ich gehöre zu Jereens Leuten."
Trotz der Schmerzen spürte Raaktaz ein flaues Gefühl in der Magengegend. "Du....gehörst zu...ihm? Was soll das...heißen? Du...bist eine Schattenschuppe..."
"Ich weiß..."
"...kein verdammter...Räuber."
"Er...wir sind auch keine Räuber, Trampelchen. Wir sind Kämpfer."

"Kämpfer? Wofür?"

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Naryndis Seniith (08.07.2018), Jassillia (08.07.2018), Shedvin (09.07.2018), Deikan (12.07.2018), LegendaryEdition (15.07.2018)

10

Sonntag, 8. Juli 2018, 12:27

Der Kontrakt III
Teil 2
Anmerkung: Leider hat das Forum die Formatierung irgendwie zerschossen. Ich bitte das zu entschuldigen.


"Für die Freiheit des Volkes der Wurzeln", ertönte eine rauchige Stimme.
Hinter Neeseera kam aus dem Gang ein großer und dunkler Argonier mit
schweren Schritten. Sein massiger Kopf wurde von zwei Hörner links und
rechts verziert. Jereen. "Wir kämpfen für die Freiheit und die Reinheit
des argonischen Volkes. Wir wollen Schluss machen mit allem, was fremd
ist in den Schwarzmarschen. Keine Dunmer mehr, keine Trockenhäute und
nichts, was unsere Freiheit und Reinheit bedrohen könnte." Jereen
positionierte sich neben Neeseera. Sie schien es nicht zu wagen, ihn
anzusehen. Weiter ging ihr Blick zu Boden. Raaktaz hatte das Gefühl,
Jereen anblicken zu müssen, als ob eine Kraft ihn dazu drängen würde."Unserem
Land", fuhr Jereen fort, "ging es gut, bevor die Fremden kamen.
Verstehst du das, Lautloser-Jäger? Wir lebten in Frieden und Einklang
mit den Marschen und den Hist. Dann kamen die Trockenhäute. Die
kaiserliche Armee, Piraten, Sklavenjäger. Sie beuten nicht nur unser
Volk aus, sie zerstören auch noch unsere Kultur. Sie sind überall, wie
ein Geschwür, und breiten sich aus. Nicht mehr lange und uns wird es
nicht mehr geben. Aber wir", er sah kurz zu Neeseera, "wir kämpfen
dagegen an. Gegen die Fremden. Gegen ihren Einfluss."
Raaktaz spürte
einen Schmerz. Er hob die Lefzen an und erwiderte angestrengt: "Wir
sind...frei. Und...wir", er versuchte, es zu betonen, "schützen unser
Volk."
Jereen lachte kehlig. "Ihr? Die Schattenschuppen? Lächerlich.
Ihr pirscht durch den Urwald und tötet irgendwelche Leute, wenn es euch
eine alte, vertrocknete Leiche befiehlt. Ihr seid nichts. Ihr lauft
einem Kult hinterher, der nicht der unsere ist. Wer hat ihn uns denn
gebracht? Die Dunkle Bruderschaft. Und was sind sie? Trockenhäute.
Fremde. Allesamt. Nein, ihr werdet unser Volk niemals schützen können,
wenn ihr euch mit Fremden verbündet. Niemals werden wir so Freiheit
erlangen."
"Selbst...die Hist erkennen...Sithis an. Sie wissen um
ihn...was du sagst ist...falsch, "presste Raaktaz mühsam hervor, "die
Trockenhäute halfen uns. Wir sind nicht...alleine auf der Welt..."
"Nein, nicht alleine, aber wir könnten es sein. Und wir werden es sein."

Jereen
trat nun dicht vor dem bewegungsunfähigen Raaktaz und sah ihm in die
Augen: "Aber freue dich, Raaktaz. Ich bin gnädig zu meinen Brüdern und
Schwestern meines Volkes. Ich nehme jeden auf, der verstanden hat, wofür
wir kämpfen. Sieh nur, Sing-im-Wald hat sich mir angeschlossen, als sie
mich überraschenderweise ausfindig machte. Ihr Freiheitsdrang ist
ebenso groß wie meiner. Sie hat es verstanden, worum es mir geht."
Raaktaz sah ungläubig zu Neeseera, die schuldbewusst den Kopf hob. "Ja,
sie sehnte sich nach Freiheit, einer Freiheit, die ihr die
Schattenschuppen nicht geben können." Neeseera behielt den Blick nach
unten, während Jereen zu ihr trat und mit einer Hand ihr Kinn anhob. "Du
träumst davon, frei zu sein, wie ein Vogel, das hast du gesagt, nicht
wahr?" Sie nickte. "Doch Freiheit muss man sich verdienen. Man muss
dafür etwas tun. Man muss Opfer bringen."
Jereen sah sie nun
eigenartig an, warf Raaktaz einen kurzen Blick zu und betrachtete
Neeseera wieder. "Große Opfer. Wer das nicht kann, hat in meinen Reihen
nichts zu suchen." Die letzten Worte brüllte er Neeseera nun entgegen.
"Du solltest ihn umbringen. Warum hast du das nicht getan?"
Neeseera
schluckte schwer: "Ich...konnte es nicht. Wir sind eins...er und ich."
Jereen schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Sie ging auf die
Knie und sah wieder zu Boden.

"Meine Gnade so mit den Füßen zu
treten!", brüllte Jereen erneut auf. "Du hast sie nicht mehr verdient.
Du bist...fehlerhaft. Zu sehr Trockenhaut. Verdorben!" Er wandte sich zu
Raaktaz, der leise vor Wut knurrte. "Hör zu. Ich werde dich hier und
heute gehen lassen. Ich lasse dir die Chance, über meine Worte
nachzudenken. Schließe dich mir an, oder geh mit deinesgleichen unter.
So wie Neeseera."
Jereen trat an diese heran, ging zu ihr in die
Hocke und hob erneut ihr Gesicht an. Dann griff er nach einem Dolch, den
er in seinem Stiefel versteckt hielt und stieß zu. Neeseera weitete die
Augen, als das kühle Metall in ihre Brust drang. Sie spuckte einen
Moment später Blut und sackte zurück auf ihren Rücken. Raaktaz wollte
schreien, konnte es jedoch nicht mehr. Die magische Falle, in die er
getappt war, hielt jede Bewegung zurück. Jereen blickte noch einmal zu
ihm, nachdem er den Dolch wieder aus Neeseeras Brust gezogen hatte.
"Absoluter Gehorsam oder Tod. Anders geht es nicht. Denk daran, wenn du
dich für eine Seite entschieden hast." Dann wandte sich Jereen um und
ging langsamen Schrittes auf den Gang zu, aus dem er und Neeseera kamen.
Als
er fort war, ließ die Falle nach. Raaktaz fiel hart auf den steinernen
Boden. Er rappelte sich auf und hastete zu Neeseera. Er setzte sich
neben sie und nahm sie in die Arme. Sie hustete und sah Raaktaz mit
Augen an, die bereits die beginnende Leere zeigten. "Es...tut mir so
leid...ich wollte dich nicht...verraten. Es klang nur...ich wollte nur
mehr Freiheit..."
"Ruhig, Neeseera. Bleib ruhig, ich..."
"Bitte...lass mich...fliegen. Du hast es versprochen. Ich will..."
"Ich mach das, aber du musst noch nicht..."
"Fliegen..."
Sie packte Raaktaz an seinem Kragen, ihre Hände verkrampften sich, der
Blick wurde starr. Dann war es vorbei. Raaktaz presste verzweifelt ihren
leblosen Körper an sich, drückte seine Schnauze an die ihre, sodass sie
blutig wurde. Draußen grollte der Donner und ein heftiger Regenschauer
ging auf die Xanmeer nieder.

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Naryndis Seniith (08.07.2018), Jassillia (08.07.2018), Shedvin (09.07.2018), Deikan (12.07.2018), LegendaryEdition (15.07.2018)

11

Samstag, 14. Juli 2018, 14:27

Der Kontrakt IV

Es war Mitternacht, als Jereen durch ein lautes Donnergrollen draußen, außerhalb der Ayleiden-Ruine, in der er sich mit seinen Leuten befand, erwachte. Er schreckte mit dem Oberkörper hoch und fasste sich an die Schnauze, schüttelte das Haupt und sah sich blinzelnd um. Er hatte seit Wochen nur schlecht oder gar nicht schlafen können. Zu sehr setzte ihm die aktuelle Situation zu. Seine Bande war kaum noch an einen Ort willkommen. Die Stämme in den Sümpfen misstrauten ihnen, die Krieger der Argonier verjagten sie, wenn möglich, und über allem spannte sich das unwohle Gefühl eines Schattens, der sich über sie alle zu legen schien. Da schien es Jereen wie eine Ironie des Schicksals, dass er und seine "Freiheitskämpfer" sich ausgerechnet in den Hinterlassenschaften einer vergangenen Kultur von Fremden verstecken musste. Doch für jede Erniedrigung, die er erleben sollte, wollte er es den Fremden doppelt heimzahlen.
Der Argonier kniff die Augen zusammen. Als er einschlief, saßen noch zwei seiner Kämpfer um ein Lagerfeuer und spielten Würfel, der Rest schlief bereits. Doch das Feuer war erloschen. "Hey, warum ist das Feuer aus? Es soll doch immer brennen", maulte er die zwei Schemen, die links und rechts von dem ausgebrannten Lagerfeuer lagen, an. "Was...?", meldete sich jemand anderes weiter links von Jereen zu Wort. "Nicht du, ich meine die zwei Matschfresser hier." Jerren rappelte sich ächzend auf und schritt noch schlaftrunken zu den Faulenzern. "Aufwachen!" Jereen trat gegen einen von ihnen. Er rührte sich nicht. Dem Bandenanführer beschlich ein ungutes Gefühl. Es blitzte. Durch einige Spalten an der Decke drang das Licht des Blitzes ein, erhellte die Halle, in welcher die Bande rastete. Jereen wich von dem Feuer zurück. Der Argonier zu seinen Füßen starrte Jereen mit weit aufgerissenen, toten Augen an, das Maul zu einem lautlosen Schrei geöffnet, der Körper unnatürlich verdreht. "Licht! Sofort!"
Der geblaffte Befehl weckte den Rest seiner Bande. Einige sorgten mittels Fackeln für ein wenig Licht in der Halle. Einer von trat an Jereen und den Toten heran. Nun konnten alle sehen, dass auch der andere Argonier am Feuer auf dieselbe Weise tot da lag. Jereen kniete sich nieder, um sie genauer zu betrachten. "Was ist hier los?", fragte ein Kämpfer. Jereen schnaubte durch die Nüstern. Er konnte auf dem ersten Blick nicht erkennen, woran die beiden gestorben waren. "Wenn ich das wüsste. Schick jemanden zum Eingang. Ich will wissen, ob die Wachen etwas bemerkt haben." Der Argonier mit der Fackel nickte, deutete dann auf einen Kämpfer, welcher salutierte und zu einem der beiden gegenüberliegenden Ausgänge aus der Halle rannte. Er war nur wenige Atemzüge fort, als aus dem Gang, in dem er verschwand ein lang gezogener Schrei ertönte. Dann war es still. Jereen und seine Krieger hielten den Atem an. Dann blaffte er los: "Hier ist jemand! Kampfbereit machen! Und seht nach, was da vorne beim Eingang los ist!"
Sofort kam Leben in die Kämpfer. Sie griffen nach ihren Waffen, entzündeten noch mehr Fackeln und ein Teil lief zum Ausgang der Halle. Jereen versuchte, die Ruhe zu bewahren, sah sich jedoch gehetzt unter seinen Leuten um. Er rechnete nicht damit, dass die Wachen in den anderen Gängen und Hallen noch lebten - nicht, wenn bereits direkt unter ihnen zwei Tote lagen. Er knurrte leise und griff nach seinem Schwert, als er hinter einem seiner Kämpfer einen eigenartigen Schatten bemerkte. Er passte so gar nicht zu dem Saxhleel, der sich da gerade für den Kampf rüstete. "Vorsicht!", schrie Jereen dem Kämpfer zu. Dieser sah verwirrt zu ihm herüber, dann blickte er sich gehetzt um. Jereen rannte los, wollte zu ihm, doch dann hielt er an, als er sah, wie aus dem Hals des Kämpfers urplötzlich Blut spritzte und er schließlich gurgelnd niederging, nachdem sich der unnatürliche Schatten dem Armen genähert hatte. Dann nahm der Schatten Konturen an, wurde zu einer Gestalt. Jereen atmete schwer, sah die Gestalt, einen Argonier in pechschwarzer Kleidung, paralysiert an. Dann rief er: "Schattenschuppen!"
Die Kämpfer, die noch nicht zum Ausgang geeilt waren, hielten inne und sahen sich um. Dann erschraken sie alle miteinander, als sich aus den dunklen Ecken der Halle immer mehr Gestalten lösten, Konturen annahmen und wie Todesengel um die kleine Schar standen. Es war für einen Atemzug totenstill, als aus dem Ausgang noch mehr Todesschreie ertönten. Die Kämpfer verfielen daraufhin in Panik, einige stürmten auf die dunklen Gestalten zu. Diese huschten lautlos, einem Schattenspiel gleich, über den Boden der Halle, flogen den Kämpfern regelrecht entgegen und brachten sie mit ihren leicht gekrümmten und gezackten Klingen zu Fall. Hilflos sah Jereen der Szene zu, bis er unter dem Chaos eine Schattenschuppe entdeckte, die sich nicht am Kampf beteiligte, sondern genau in seine Richtung sah. An der fehlenden Ausbeulung der Kapuze konnte Jereen erkennen, dass es ein Saxhleel ohne Horn- und Federzier sein musste. Er schluckte. Dann rannte er, auf den zweiten Ausgang hinter such zu.
Jereen ließ den Kampfeslärm und das Chaos hinter sich, überließ seine Kämpfer den Schattenschuppen. Er rannte durch einen engen Gang. Zwar hatte er keine Fackel dabei, doch kannte er sich hier drin bestens aus. Er wusste, dass nur noch wenige Meter vor ihm eine Biegung nach links war. Kurz vor der Biegung machte Jereen einen Satz über eine der Bodenplatten, dann verschwand er um die Ecke und hielt an, um Luft zu holen. Sein einziger Magier, von dem er nun nicht wusste, ob er noch lebte, hatte auf der Platte eine magische Falle platziert. Ein Zauber, der das Opfer einem unsichtbaren Spinnennetz gleich gefangen halten sollte.

Jereen versuchte sich zu beruhigen, wollte wieder Kraft für die weitere Flucht schöpfen. Dann spürte er eine magische Regung. Jemand war in die Falle getappt. Er hob die Lefzen an. Zum zweiten Mal in die selbe Falle, dachte Jereen zufrieden. Vorsichtig lugte er um die Ecke herum. Zunächst sah er nichts, da es so dunkel war. Dann erkannte er genau über der Bodenplatte mit der magischen Falle eine dunkle Gestalt. Regungslos. Jereen atmete erleichtert auf. Er löste sich von der Mauer, um sich dem Gefangenen zu widmen, als dieser sich plötzlich regte. Ein Schritt vor. Noch einer. Er konnte gehen. Jereen riss die Augen ungläubig auf. Dann fuhr er herum und rannte wieder los. Gehetzt lief er, ohne hinter sich zu blicken, durch den engen Gang. Er wusste, dass in wenigen Metern ein Loch war. Es führte in eine natürliche Höhle mit einem seichten See. Wenn er ihn durchwaten würde, käme er zu einem Höhlenausgang und könnte sich somit im Sumpf verbergen.

Jereen erreichte das Loch und sprang. Er fiel nur wenige Meter und rollte sich in dem seichten Wasser ab. Als er wieder Stand, reichte ihm das Wasser knapp bis zu den Oberschenkeln. Zu wenig, um zu schwimmen. Also watete er durch das Wasser. Es war noch immer dunkel, aber er wusste immer noch, wie er zu gehen hatte. Langsam kämpfte er sich durch das dunkle Gewässer. Er hielt an, um zu lauschen. Nichts. Er watete weiter. Platsch! Jereen stockte. Obwohl er sowieso nichts hätte sehen können, warf er einen Blick über die Schulter. Nichts. Doch er wusste, dass jemand hier war. Der Argonier hielt die Luft an und watete vorsichtig weiter, wollte seinem Verfolger keinen Anhaltspunkt geben, wo er war. Nach schier endlosen Sekunden erreichte er das Ufer des Sees. Er tastete sich vorsichtig an der feuchten Höhlenwand entlang und entdeckte den Weg, der ihn aus der Höhle bringen würde. Wieder rannte er. Endlich sah er durch einen Blitz erhellt den Ausgang. Er beschleunigte seinen Schritt und passierte den Ausgang, trat hinaus und lief in den Urwald, welcher immer wieder von Blitzen erhellt wurde, hinein.

Dann spürte er etwas. Etwas "biss" ihm in die rechte Wade. Er ignorierte es zunächst. Dann wurden seine Beine schwach. Das Atmen fiel ihm schwer, die Arme wurden schlaff und Jereen fiel schließlich vornüber in den matschigen Boden. Nur wenige Atemzüge später wurde er gepackt und gedreht. Jereen konnte seine Gliedmaßen nicht mehr bewegen, er war völlig gelähmt. Ein Blitz zuckte und er konnte die Gestalt, die auf ihn hinab sah, unter dessen Kapuze erkennen.

"Nun...jetzt...hast du mich, Raaktaz."
Die Schattenschuppe nickte und ging in die Hocke. "Ich habe über dein Angebot nachgedacht. Ich lehne ab. Lieber befreunde ich mich mit Fremden, als mit Saxhleel wie dir."
"Das...dachte ich mir..."
Raaktaz packte Jereen an dessen Kiefer. Er sah, wie von allen Seiten noch mehr Schattenschuppen langsamen Schrittes herbei kamen und ihn anblickten. "Und...nun?"
"Nun? Nun liegst du hier. Gelähmt. Du wirst nichts mehr tun können. Nie wieder. Aber Schmerz...nun, den wirst du noch spüren." Die Schattenschuppe kam näher an Jereens Gesicht heran. Die Stimme war ruhig und leise. "Es heißt, der Schreckensvater kenne keine Gnade. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich versichere dir, Jereen, ich kenne keine. Keine. Nicht bei dir."
Jereen sah, wie Raaktaz nach einer kurzen und gezackzen Klinge griff, sie an seiner Brust ansetzte. Er kniff die Augen zusammen, presste sein Gebiss aufeinander, doch es half nichts. Er schrie schmerzerfüllt auf. Wieder und immer wieder. Seine gequälten Schreie schallten die ganze Nacht durch den ewigen Morast der Schwarzmarschen, bis sie kurz vor Sonnenaufgang für immer verstummten.

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Deikan (16.07.2018)